Mein Pile of Shame – Zwischen Euphorie und Lustlosigkeit

von Bernhard Emig 08.02.2017

Ohne bestimmtes Ziel schweift mein Blick über die nichtssagenden Spieleportraits der Steam-Bibliothek. Manche der bunten Illustrationen erinnern mich an längst verblasste Liebschaften, deren Schönheit stark unter dem Zahn der Zeit gelitten hat. Hinter anderen verbergen sich abgehalfterte HeldInnen, denen es verwehrt geblieben ist, jemals auch nur aus der Gefangenschaft ihres Tutorial-Kerkers zu entfliehen. Mein Mauszeiger schweift emotionslos über GTA IV, Mass Effect und The Force Unleashed. Es ist wieder einmal diese Zeit des Jahres. Der Zeiger wandert weiter nach rechts oben, zum X des Steam-Fensters. Beinahe höre ich sie resignierend stöhnen, Nico Bellic, Commander Shepard und Starkiller, während ich sie zurück in ihren Winterschlaf schicke. Dasselbe Schicksal blüht Lego Batman, Delsin Rowe und Edward Kenway, die sich in den verstaubten Archiven meiner Playstation schon zur letzten Ruhe gebettet haben.

Pile of Shame

Quelle: esmeraldaip.com

Der Pile of Shame wächst

Manchmal, wenn mich wieder einmal die mediale Lustlosigkeit übermannt, kaufe ich mir irgendeinen „Spiele-Klassiker“ in irgendeinem Online-Shop. Nur um bereits nach wenigen Minuten festzustellen, dass auch ein Platin-Award meine Lethargie nicht zu durchbrechen vermag. Der Pile of Shame, also die Gesamtheit jener Spiele, die ich zwar gekauft, aber nie durchgespielt habe, wächst. In nicht mal einem Drittel der Spiele in meinem Steam-Account habe ich tatsächlich den Endboss gesehen, oder das Letzte Level gemeistert. Immerhin – so denke ich mir – bin ich nicht der einzige mit diesem Problem, woher käme sonst überhaupt dieses Wort: Pile of Shame?

Spiele-Unlust als Selbstregulativ?

Ich frage mich eher, woher eigentlich diese Spiele-Unlust kommt, die alle heiligen drei Zeiten über mich hereinbricht. Ist es tatsächlich so, dass sich mein eigentliches Lieblingshobby von Zeit zu Zeit in einer Art Mini-Burnout selbst reguliert? Nur damit ich dann vielleicht, ein Monat später, mit frischem Wind in den Segeln in neue Abenteuer durchstarten kann? Oder treten andere Faktoren auf den Plan, wie zum Beispiel der Hoffnungsschimmer einer herannahenden neuen Spiele-Generation?

Ich möchte mich nicht als Grafik-Enthusiast bezeichnen. Auch ein Shovel Knight oder ein Minecraft schaffen es bisweilen, mich mit Retro-Charme in ihrem Bann zu ziehen.  Trotzdem ärgert es mich, wenn ich weiß, dass die Technik meines Spiele-PCs eigentlich schon wieder veraltet ist. Wenn ich erst einmal einen Kompromiss in den Video-Settings finden muss, bevor ich mich in ein interaktives Abenteuer stürzen kann.

Verführungen der Technik

So fühlt sie sich also an, die Gaming-Zukunft!

Längst schon lauern hinter den Fassaden des nächsten Mediamarkts Technik-Begriffe wie HDR, 4K, VR oder DirectX12 darauf, mich zum Upgrade meines Gaming-Setups zu bewegen. Ich erinnere mich: Immer, wenn ich meinen Gaming-PC durch ein neueres Modell austauschte, habe ich erst einmal ein paar alte Spiele gestartet, und die Grafik-Regler auf Anschlag gedreht. So fühlt sie sich also an, die Gaming-Zukunft! Manch einer der besagten Spiele-Klassiker kam dann tatsächlich noch zum Handkuss, dass ich ihn durchgespielt habe. Der Großteil jedoch verblieb am Pile of Shame, und erinnert mich von Zeit zu Zeit daran, dass mein Hobby einem ständigen Auf- und Ab zwischen Euphorie und Lustlosigkeit unterliegt.

Spiele-Tester mit Schaffenskrise

Ganz besonders schwer fällt es mir an der Talsohle einer solchen Lethargie, meiner Beschäftigung als Spiele-Tester nachzugehen. Es gibt Phasen, da kann ich auch drei Spiele in einem Monat testen, und mehrseitige Testberichte dazu anfertigen. Gerade jetzt fällt es mit wieder einmal schwer, mit unter all den Testmustern auf der Februar-Liste etwas zu finden, dass ich gerne spielen würde. Ist das einfach ein Winter-Loch? Ist gerade zufällig nichts für meinen Geschmack dabei? Oder trübt die Lustlosigkeit mein Urteilsvermögen darüber, welches Spiel mit Spaß machen könnte?

Ein echter „Spiele-Klassiker“ war für mich in der Tat schon lange nicht mehr dabei. Resident Evil VII vielleicht? Das testet natürlich unser PSVR-Mandi. Sollte ich mir doch eine PSVR zulegen…? Aber nur, um dann Resident Evil drauf zu zocken? Dann schon lieber die Nintendo Switch! Das klingt doch mal nach einem Spielprinzip, das in der Lage wäre mir Starterhilfe aus dem Loch der Lustlosigkeit zu geben! Aber erstmal nur mit Legend of Zelda? Klar, Breath of the Wild verspricht hunderte Stunden Spannung, Spaß und Abenteuer. Aber was, wenn mir das runderneuerte Gameplay eines Open-World Zelda gar keinen Spaß macht?

Volkskrankheit Lustlosigkeit

Ich bin mir sicher, dass meine Spiele-Lethargie bald ein Ende finden wird, und ich wieder Spaß und Freude an meinem Lieblings-Hobby empfinde. Ich würde gerne von euch wissen: Verspürt ihr auch manchmal diese Lustlosigkeit am Spielen? Wie lange dauern solche Phasen bei euch in der Regel an? Und auf welche beachtliche Größe ist euer Pile of Shame bereits angewachsen? Schreibt‘s mir einfach in die Kommentare!

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Wenn ich mal keine Lust hab, was zu zocken, dann weil ich mich von der riesigen Auswahl überfordert fühle und gar nicht weiß, wo ich anfangen soll ^^ – So nach dem Motto: „Ich hätt so viel zu erledigen, ich leg mich auf die Couch und mach ein Nickerchen“ 😀
Es kommt allerdings öfters vor, dass ich nur Lust auf bestimmte Genre habe. Wenn ich dann nicht gerade das Gewünschte zur Verfügung habe, spiele ich innerlich unzufrieden einfach gar nichts.

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