Die zwei Päpste – Kritik zum neuen Film von Netflix

von Michael Neidhart 02.12.2019

Anthony Hopkins und Jonathan Pryce schlüpfen in Die zwei Päpste in die Rollen des vorigen und aktuellen Papstes und brillieren dabei in allen Facetten guten Schauspiels. In diesem über lange Strecken von hervorragenden Dialogen getragenem Kammerspiel wird nicht nur Geschichte verarbeitet, sondern es werden auch Geschichten geschrieben. Nur selten geht mit einem der beiden das Temperament durch. Nur selten erhebt einer die Stimme. Hopkins und Pryce gehen so in ihren Rollen auf, dass man zwischenzeitlich vergisst, dass hier Schauspieler am Werk sind und wir es nicht mit den echten Päpsten zu tun haben.

Zwei Päpste spazieren auf der Abbey Road

„Welche Melodie pfeifen sie? Dancing Queen.“ Das ist einer der ersten Dialoge zwischen Jorge Bergoglio und Joseph Ratzinger. Geführt auf einer Toilette im Vatikan. Es wird nicht die letzte musikalische Referenz in diesem Film bleiben. Geschickt verwebt Regisseur Fernando Meirelles die Außenwelt in die Gespräche der beiden Kardinäle. Das führt zu kleinen Anekdoten wie einer kurzen Einspielung von Kommissar Rex in einem Fernseher in der Sommerresidenz des Papstes, Castel Gandolfo. Geschickt geht Meirelles auch beim Erzählen seiner auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte vor. Es gibt hier nicht den bösen, konservativen Papst, dem ein Erneuerer gegenübergestellt wird. Die zwei Päpste zeigt die Geschichte zweier Männer, die sich zu höherem Berufen fühlen und wie sie dorthin gekommen sind.

Fein geschriebene Dialoge präsentieren eine Jahrhunderte alte Glaubensgeschichte und wo ihr Platz in einer Epoche des Wandels und neuer Herausforderungen sein könnte. Die Eleganz, in der die beiden konversieren ist maßgeblich für die Wucht des Films verantwortlich. Selbst das für Menschen in fortgeschrittenem Alter übliche Missverstehen ist bewusst gesetzt und Teil der Konversation. Zunächst scheint die kühle und fast berechnend wirkende Art Ratzingers an der heiteren und teils einfältig wirkenden Bescheidenheit Bergoglios einfach abzuprallen. Doch so einfach lassen uns die beiden Päpste nicht davon kommen. Langsam aber beständig brechen die Charaktere auf, legen ihre sorgfältig gebastelten Masken ab und lassen darunter vor allem Demut vor dem Amt hervortreten.

zwei Päpste

Copyright: Netflix

„Wann hast du ihn gehört?“

Die zwei Päpste begnügt sich nicht mit der Zeit des Übergangs. Der Film erzählt vor allem auch die Geschichte Bergoglios. In Rückblenden lernen wir ihn als jungen Mann kennen, der eigentlich heiraten wollte. In einer berührenden Szene erzählt er von seiner Teilhabe an der argentinischen Militärjunta und wie er danach im Exil Buße tat. So kritisch diese Szenen gesehen werden müssen, wirken sie doch in vielen Punkten authentisch. Geschuldet ist das vor allem der grandiosen Performance von Jonathan Pryce. Er hatte in Game of Thrones auch genügend Zeit, die Rolle eines bescheidenen Priesters zu üben. Als Hoher Spatz führte er eine Gemeinde der Armen bis in höchste Positionen Westeros‘. Dieselben demütigen Gesten, die er dort zeigte, perfektionierte er für seine Rolle als Papst für die Armen dieser Welt.

Dank der hervorragenden Dialoge tritt zu Tage, dass dahinter natürlich auch ein Spiel, ein Schauspiel steckt. Hopkins alias Ratzinger sagt gegen Ende des Films, dass er die Rolle als Pontifex nicht mehr spielen kann. Er ist alt und müde und es brauche frischen Wind, um die Kirche fit für die Zukunft zu machen. Er scheint zu verstehen, dass sein Weg nicht zum Ziel geführt hat und auf eine Zeit der Krisen eine Zeit der Veränderung folgen muss. Diese Krisen nehmen zwar nur wenig Raum im Film ein, verschwiegen werden sie aber nicht. Die Zwei Päpste ist ein Film über die Kirche, obwohl er kein Film über die Kirche ist. Meirelles gelingt es, die Probleme der katholischen Kirche zum Thema zu machen, ohne sie in den Vordergrund zu holen. Die Art und Weise, wie der Film gestaltet ist und wie die Geschichte der beiden Päpste erzählt wird, genügt.

zwei Päpste

Copyright: Netflix

Höfisches Zeremoniell

Männer in schwarzen Roben mit roten Schärpen, die Schweizer Garde und Männer in Anzügen. Kaum eine Handlung, die nicht auf irgendeine Art ritualisiert wirkt. Das Ankleiden, das Essen, die bis ins Detail orchestrierte Wahl eines Papstes, der Film zeigt all diese Prozesse in Totalen und Close-Ups und erzeugt damit eine ganz besondere Atmosphäre. Die Tradition, die dahinter steckt, ist die Welt des einen Papstes. Er zelebriert sie bis hin zu seinen abendlichen Gebeten. Das Spontane, die Abkehr vom Präsentieren der Insignien der Macht, ist die Welt des anderen. Immer wieder bricht der Film die Szenen aus dem Vatikan mit Bergoglio, der mal mit dem Gärtner plaudert oder mit einem Fußballfan in einer Bar jubelt.

Die zwei Päpste bietet einen Kompromiss an. Auch wenn sich die beiden Päpste über die Definition dieses Wortes streiten, scheint es doch grade das zu sein, was am Ende bleiben soll. Wie viele der Anekdoten und Geschichten über das Leben des neuen Papstes korrekt sind, kann ich an dieser Stelle nicht nachvollziehen. Anthony McCarten, der die Vorlage und das Drehbuch schrieb, scheint Zugang zu Informationen über Bergoglio gehabt zu haben. Dadurch hat der Film bei all seiner Balance leider auch eine Schlagseite und kippt an manchen Stellen in Richtung des Argentiniers. Seine Geschichte nimmt größeren Raum ein, wird ausführlicher erzählt. Der deutsche Papst wird nicht schlecht, sondern vielmehr als falsch verstanden dargestellt und darf sich vor allem auch erklären.

Die zwei Päpste - eine Empfehlung

Die zwei Päpste entlässt mich zwiegespalten aus dem Kinosaal. Das Spiel, dass Hopkins und Pryce hier zeigen, und seine Dialoge sind hervorragend. Die feine und elegante Sprache, mittels der ohne laut zu werden so viel ausgedrückt wird, gehören zum Besten, das ich in letzter Zeit gesehen habe. Diese Qualität teilt sich Die zwei Päpste mit den beiden anderen Netflix-Filmen, The Irishman und Marriage Story, die gerade im Kino zu sehen waren.

Auf der anderen Seite spricht der Titel zwar von zwei Päpsten, räumt aber einem wesentlich mehr Raum ein als dem anderen. In Summe hat das zur Folge, dass es so wirkt, als würde Regisseur Meirelles vor allem die Geschichte Papst Franziskus I. erzählen. Wie nebenbei versucht er den oft in der Kritik gestandenen Papst Benedikt XVI. zu rehabilitieren. Ein Tango alleine würde auch lächerlich wirken.

Kinostart in Österreich ist der 06.12.2019

Wertung: 8.5 Pixel

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