The Wolf of Wall Street (Blu-ray) im Test

von Max Hohenwarter 24.06.2014

In der Post-Occupy-Welt sind die AktienhändlerInnen und Banken unbeliebt wie nie, und sie werden durch die Medien zum generellen Feindbild der Gesellschaft stilisiert. Dennoch traut sich Oscar-Preisträger und Regielegende Martin Scorsese, einem der berühmt-berüchtigtsten Aktienbroker, namentlich Jordan Belfort, eine Bühne zu geben, auf der er beweisen kann, wie gut das Leben als skrupelloser Drecksack vom Dienst ist. Geht Scorseses risikoreiches Zocken auf oder crasht er mit seinem Biopic? Lest es im Test der Blu-ray von The Wolf of Wall Street.

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Facts

  • Genre: Tragikomödie/Biopic
  • Publisher: Universal Pictures
  • Regie: Martin Scorsese
  • Releasetermin: 30. Mai 2014

Der böse Wolf und die Gier

Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) ist ein junger aufstrebender Börsenmakler, der weiß, was er will: Zaster, Moneten, Marie, kurz: Geld, Geld und noch mehr Geld. Der Sohn zweier mittelständischer Buchhalter hat aber nicht nur dieses klare Ziel vor Augen; er weiß auch, wie er es erreichen will. In der Heimstatt des schnöden Mammons, der Wall Street. Er lässt sich zum Broker ausbilden und arbeitet kurze Zeit für die berühmte Brokerfirma L. F. Rothschild. Dort erfährt er von Mark Hanna (Matthew Mc Conaughey), wie die Finanzwelt wirklich tickt und was sie am Laufen hält: Skrupellosigkeit, Selbstbefriedigung und Schnee aus Kolumbien. Jedoch kracht 1987 am Schwarzen Montag die Börse zusammen und mit ihr Rothschild. Jordan steht auf der Straße.

Doch für ein Stehaufmännchen wie Jordan ist das nur ein kleiner Rückschlag. Er heuert beim zwielichtigen Börsenmakler Robert Mancuso an, der sogenannte Penny-Stocks – billige Aktien von Kleinstunternehmen – an die Unter- und Mittelschicht verkauft. Mit seiner Wall-Street-Ausbildung, zweifelhafter Geschäftsethik und überzeugenden Rhetorik schafft er es, durch die hohen Margen dieser Pfennigaktien in kürzester Zeit reich zu werden. Kaum hat der junge Finanzjongleur das Potenzial erkannt, macht er sich auch schon selbstständig. Er gründet mit seinem Kumpel Donnie Azoff (Jonah Hill) und einigen schmierigen Compagnons, die bisher nur Gras unter das Volk streuten, die pseudoseriöse Brokerfirma Stratton Oakmont, die nach dem gleichen Schema vorgeht – doch diesmal sind die oberen Zehntausend diejenigen, denen die Ramschanteile, wie Jordan sagen würde, „in die Kehle gestopft werden, bis sie daran ersticken“.

Durch diese Masche verdienen sich der „Wolf der Wall Street“ und seine „Strattonites“ eine goldene Nase, schmeißen das ergaunerte Geld mit beiden Händen hinaus und feiern eine Orgie nach der anderen. Doch der Wolf soll bald feststellen, dass ihm diese Völlerei noch wie Steine im Bauch liegen wird.

Bild, Ton und Extras

Die Blu-ray von The Wolf of Wall Street präsentiert sich in brillantem Full HD 1080p im Widescreen-Format 2,40:1. Die beiden Synchronfassungen (Deutsch und Spanisch) auf der Disc klingen im Tonformat DTS Digital Surround 5.1 aus dem entsprechenden Heimkinosystem. Noch besseren Klang liefert die englische Originalfassung, die sich im DTS HD Master Audio 5.1 präsentiert und mit noch satteren Bässen und besser abgemischten Dialogen aus der Anlage schallt. Technisch ist also alles in Butter.

Das circa 40-minütige Zusatzmaterial umfasst zwei sehenswerte Featurettes und einen Roundtable, in denen die DarstellerInnen, der Autor und auch der Regisseur zu Wort kommen. Darin gewähren sie Blicke hinter die Kulissen, erklären ihre Interpretationen der Figuren und geben Ansichten zu Story, Charakteren und Szenen preis. Die Extras entsprechen also dem Standard, hätten aber für meinen Geschmack noch umfangreicher ausfallen können. Wünschenswert wäre beispielsweise noch eine Dokumentation über den bzw. eine Stellungnahme des echten Jordan Belfort gewesen.

Kritik

In grob 180 Minuten zeichnet Regisseur Martin Scorsese das nahezu absurde, surreal wirkende und von Drogen-und Sexexzessen definierte Leben eines zwielichtigen Börsen-Beaus nach. Doch so verklärt und unrealistisch diese Interpretation wirken mag, so sehr berufen sich Regisseur und Filmcrew auf die Faktentreue dieses Films. Dass die meisten ZuschauerInnen genau diese infrage stellen werden, kann man anhand der gezeigten Obszönitäten, zügellosen Verschwendungssucht und den einfach als irre zu bezeichnenden Ausschweifungen nur allzu gut nachvollziehen. Doch alle geschilderten Begebenheiten beruhen auf Tatsachen, selbst wenn Horden von StripperInnen und eine nackte Marschband durch die Büros von Stratton Oakmont stolzieren. Der ganze Film ist von Anfang an ein Sex- und Drogentrip, der von einem überzeugend und fabelhaft agierenden Leonardo DiCaprio getragen wird. Der Star, der das Bubi-Image längst hinter sich gelassen hat, vollbringt das Meisterstück, selbst einen narzisstischen und selbstverliebten Unsympathen wie Jordan Belfort mit spitzbübischem Charme auszustatten und ihm so die Eindimensionalität zu nehmen. Spätestens beim großen Quaalude-Rausch, den DiCaprio mit lächerlich pantomimischem Slapstick präsentiert, taumeln die ZuschauerInnen zwischen Mitleid und Lachkrämpfen.

Dass der Löwenanteil des Films die nicht enden wollende Glückssträhne des Jordan Belfort ungezähmt zur Schau stellt und so fast zum Brechmittel für all diejenigen verkommt, die den Hass auf die skrupellosen Methoden der AktienspekulantInnen kultiviert haben, ist von Scorsese beabsichtigt. Er will das High des Wolfrudels in exzessivem Ausmaß zeigen, ohne zu verurteilen, weil dieser hedonistische Rauschzustand das Einzige ist, das diesen geldgeilen leeren Hüllen bleibt und sie definiert. Besser hat dies höchstens noch Bret Easton Ellis in seinem Roman American Psycho geschafft. Außerdem wirkt der scharf kontrastierende Cold Turkey des Überfliegers zum Schluss umso drastischer und erschreckender, wenn er innerhalb eines Augenblinzelns alles zerstört, was er sich aufgebaut hat, bis der Wolf der Wall Street zu seinem eigenen Fressfeind wird.

The Wolf of Wall Street ist ein großartiger Film, der trotz seiner fast 180 Minuten Laufzeit kaum Längen aufweist, mit tollen Kamerafahrten und großartig gewähltem Soundtrack punktet und mit – einem unfairerweise erneut nicht mit einem Oscar prämierten – Leonardo DiCaprio sowie anderen großartigen NebendarstellerInnen wie Jean Dujardin (The Artist), Matthew McConaughey (Dallas Buyers Club) und Jonah Hill (21 Jump Street, Superbad) einen großartigen Cast bietet. Diese Blu-ray ist eine wahre Blue-Chip-Aktie, bei der es heißt: KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN!

9.5

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