Wolcen (PC) im Test – Lass mich dich lieben!

von Max Hohenwarter 21.05.2020

Wolcen könnte das beste Action-RPG sein. Es ist zugänglicher als Path of Exile, freier und ausgeklügelter als Diablo 3 und einfach nur schön anzuschauen. Warum es den Thron momentan trotzdem nicht besteigen darf, klärt mein Review.

Wolcen – Wenn aufregende neue Dinge mit deinem Körper passieren

Val(eria), Eldric und ihr selbst, seid drei Waisen, die als einzige das Massaker von Castagard überlebten. Von Großinquisitor Gerald Heimlock gerettet, wurdet ihr von Kindesbeinen an in den Militärdienst bei den zelotischen Purifiers gestellt, um zu perfekten Soldaten, sogenannten Justikaren ausgebildet zu werden. Die Purifier sind die Armee der vereinigten Republik der Menscheit und dafür verantwortlich, die Nation vor Hexerei und dem Übernatürlichen zu beschützen und natürlich die Expansion der Republik voranzutreiben.

Da Heimlock sich der drei Waisen annahm und sie ausbildete, werdet ihr und eure zwei nicht blutsverwandten Geschwister auch die Kinder von Heimlock genannt. Heimlock selbst ist eine höchst respektierte Figur, allerdings umgibt ihn auch ein Geheimnis. Einst, als die Purifier erneut für den Senat in den Krieg gegen das angrenzende Königreich Warg zogen und dort eine gewaltige Niederlage erlebten, wurde er bei den Schlammsümpfen zurückgelassen.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Einige Monate später tauchte er plötzlich wieder vor dem Senat der vereinigten Republik der Menschheit auf und legte dort die Köpfe der Anführer der Warg als Tribut nieder. so erlangte Gerald Heimlock Legendenstatus. Ab diesem Zeitpunkt durchlief er die Rängen der Purifier und wurde alsbald Großinquisitor. Ab da führte Heimlock die Armee in einen Sieg nach dem anderen.

Eines Tages greift die Brotherhood of Dawn, eine verfeindete Armee, einen Außenposten der Purifiers an. Als der Senat den Marschbefehl gibt, zieht die Purifier Armee mit Heimlock, euch, Valeria und Eldric an der Spitze los um die Invasoren zurückzuschlagen.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Auf dem Weg in die Schlacht, wird das Heer von Wildlingen überfallen. Gemeinsam mit euren Geschwistern und der Justikarin Maelys sollt ihr diesen Hinterhalt zerschlagen. Doch kaum seid ihr bei den Bogenschützen angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Der Boden bebt und aus Rissen dringen geisterhafte Wesen in die Welt.

Im Zuge dessen stürzt ihr mit Val in eine Schlucht und werdet kurze Zeit darauf mit einem waschechten Dämonen konfrontiert, die in der Welt von Wolcen bisher eigentlich nur als Schreckgespenster für kleine Kinder dienten.

Als diese Kreatur sich als unheimlich mächtig offenbart und ihr fast den Kampf verliert, passiert etwas Unerwartetes. Euer Held/eure Heldin verwandelt sich selbst in ein unheimlich starkes, mystisches Wesen und so schafft ihr es doch noch, dem Dämonen das Licht auszublasen.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Ihr selbst und Val seid komplett überfordert mit dem Geschehenen. Nun müsst ihr nicht nur herausfinden, wie man der Geister- und Dämonenbrut Herr wird, die droht das Land zu verheeren, sondern auch wo diese so plötzlich herkommt.

Und wäre das nicht schon genug, müsst ihr ergründen, was zum Henker ihr selbst seid. Diese Macht, die euch zwar im Kampf gegen den Dämonen half, wird von den zelotischen Purifiern, die sich ja dem Ausrotten von allem Übernatürlichen verschreiben, sicher nicht auf Verständnis stoßen und euch mit Sicherheit aufs Schafott führen. Eine klassische Heldenreise mit einigen Wendungen beginnt.

Wolcen – Der Teufel steckt nicht im Detail

Es gibt ja diesen berühmten Satz über die Ente: Wenn es aussieht wie eine, schwimmt wie eine und quakt wie eine, ist es vermutlich eine Ente. Tauscht man hierbei die Ente gegen den rothäutigen Herren mit den prominenten Hinterschinken aus, ist das im Bezug auf Wolcen nahezu eins zu eins übertragbar. Es ist genau wie Genre Primus Diablo ein reinrassiges Action-RPG, das sich nicht nur ansatzweise grafisch und vom Gameplay-Archetypus dort bedient, sondern in Ausmaßen, dass es fast schon Plagiatsvorwürfe erdulden müsste – zumindest immer wieder einmal.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Egal ob Schreine, das in Auszügen ähnliche HUD, Stadtportale, Healthorbs, begrenzt einsetzbare Heiltränke, Schatzgoblins, die in Wolcen zu Käfern werden, Elite und legendäre Monster mitsamt blauer oder gelber Aura, bis hin zu optionalen Dungeons, deren Eingänge in Wolcen aber immerhin golden schimmern und nicht blau – ihr merkt, da hat Wolcen Studio sich nicht nur dezent bedient, sondern anstatt des kleinen Fingers schon fast den ganzen Herren des Schreckens eingesackt.

Das finde ich persönlich aber nicht sonderlich schlimm, denn so fühlt man sich in Wolcen als Diablo-VeteranIn sehr schnell heimisch, wenngleich man manchmal das Gefühl hat, dass Wolcen Studio fast schon Hausbesetzung im großen Stil betreibt. Auch beim zweiten Großen Action-RPG-Vetreter Path of Exile nimmt Wolcen noch Anleihen.

Wolcen und die klassenlose Gesellschaft

Zur Charakterentwicklung setzt Wolcen nämlich neben dem klassischen Gear-Gegrinde und dem Verteilen von Fähigkeitspunkten auf vier verschiedene Attribute auf das sogenannte Portal of Fate. Das kann man sich in der Funktionsweise ähnlich vorstellen, wie eben den Skilltree aus Path of Exile, allerdings mit einem Twist. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, da ihr die Ringe unabhängig voneinander drehen und so auch Multiclass-Builds nach euren Wünschen erschaffen könnt.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Das Portal of Fate besteht aus drei konzentrischen Ringen. Ihr beginnt im innersten, der euch die Auswahl zwischen drei Archetypen lässt. Die teilen sich ganz klassisch in eine magiebegabte, eine Nah- und eine Fernkampf-orientierte Klasse. Levelt ihr in Wolcen auf, dürft ihr auf die eingangs erwähnten vier Attribute insgesamt zehn Punkte verteilen und einen Punkt bei den Passives im Portal of Fate. Im Letztgenannten bahnt ihr euch so euren Weg durch die Knotenpunkte, wovon es zwei unterschiedliche gibt.

Es gibt kleine Nodes, die geringeren Einfluss auf Werte wie Blockchance, verschiedene Schadensarten, Lebensenergie oder ähnliches haben und große Punkte. Diese haben dann größeren Einfluss auf die passiven Skills eures Chars und verändern tatsächlich dessen/deren Spielweise fundamentaler, indem sie beispielsweise euren Schaden anhand der Blockchance eures Schildes erhöhen, verschiedene Schadensarten gegen andere tauscht oder Ähnliches. Somit is Wolcen zwar am Skillsystem von Path of Exile orientiert, ist dabei aber weit weniger komplex, was EinsteigerInnen freut.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Aktive Skills wiederum gibt es natürlich auch in Wolcen. Die findet ihr ähnlich wie andere Ausrüstungsstücke einfach per Zufall, während ihr auf diverse Monstrositäten eindrescht, in sogenannten Enneracts. Einmal aktiviert wandert die entsprechende Attacke, respektive der Spell in eure Bibliothek. Von dort könnt ihr ihn, sofern die Voraussetzung in Form der entsprechend ausgerüsteten Waffe, also z.B. Pistole, Nahkampfwaffe oder Stab, gegeben ist, auf eure Actionbuttons legen und drauflos metzeln oder casten.

Durch das Einsetzen des entsprechenden Skills, levelt ihr diesen hoch und könnt nach und nach, ähnlich wie in Diablo Runen verschiedener Wertigkeit dazu- oder wegschalten um so die Wirkweise des Skills dezent zu verändern und ihn zu verstärken. Dieses Skillsystem legt erneut Zeugnis über die Vielseitigkeit des klassenlosen Systems von Wolcen ab.

Wolcen: Pink is my new obsession!

Vielseitig ist auch das kosmetische Inventar von Wolcen. Die Möglichkeit, euren Character zu personalisieren beginnt bereits bei der Auswahl des Erscheinungsbilds mit vielen unterschiedlichen Haarstilen, Gesichtern und anderem und ist auch im weiteren Spielverlauf einfach nur großartig. Besonders toll is hierbei, dass euer Charakter eine vom Equipment losgelöste, dauerhafte Erscheinung hat. Und zwar so lange, bis ihr einem Ausrüstungsteil einen anderen Skin verpasst. Den dürft ihr nach entsprechendem Fund des jeweiligen Rüstungsteils oder der Waffe auswählen und haarklein gestalten.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Manche Equipmentteile bieten die Möglichkeit bis zu acht unterschiedliche Farben aufzutragen. Das nenne ich mal Personalisierbarkeit auf Anschlag gedreht. Einziges Manko hierbei ist, dass ihr alle Farben erst einzeln finden müsst. Leider sind die Drops von den Färbemitteln allerdings seeehr rar und aus welchen Gründen auch immer hat Wolcen beschlossen mir bei meinen wenigen Funden erstaunlich viele Schattierungen an Pink zur Verfügung zu stellen. Nun gut. Hab ich eben die meiste Zeit meines Playthroughs als „Adrian, der rosane Ritter“ verbracht. Gender-Marketing ist ja sowieso outdated.

Wolcen braucht nen Kammerjäger

Abgesehen davon, dass Wolcen sich schon sehr stark an vielen Facetten des Mitbewerbs bedient, fragt ihr euch jetzt vermutlich, warum ich eingangs davon sprach, dass Wolcen den Thron als bestes Action RPG trotzdem nicht besteigen darf. Das liegt vornehmlich an den vielen Bugs, die Wolcen sogar jetzt noch plagen und mangeldem Polishing.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Beginnen wir mal bei den Bugs. Oft kommt es vor, dass Objekte nicht geladen werden. Dank der knackscharfen Texturen könntet ihr zwar ohne Probleme das Alter eines digitalen Baumes an dessen Jahresringen ablesen, allerdings folgt die Ernüchterung schnell, wenn das eben alles ist, was man sieht und die eigentlich Baumrinde nicht lädt. Das sind erneut gute Stichworte, denn es passiert auch mal gerne, dass sogar Charaktere nicht laden, obwohl man sie reden hört, Texturen generell sehr verzögert oder manchmal unscharf laden.

Auch Gameplay-wise gibts manchmal Bugs: wenn man in einem optionalen Dungeon eine bestimmte Menge Gegner abschlachten soll und am Ende des Gewölbes zwar noch welche abzumurksen wären, diese aber faktisch nicht da sind. Ohne die Aufgabe abschließen zu können, teleportiert man sich dann wieder zum Dungeoneingang und schnetzelt sich auf der Oberwelt durch einige Gegnermassen um plötzlich mitten in der Schlacht das „Quest abgeschlossen“ Dialogfenster mitten über dem Schlachtgeschehen einzublenden. Letztgenanntes ist vor allem insofern nervig, als dass man es nicht schließen kann, ohne die Questbelohnung ausgewählt zu haben.

Wolcen – Screenshot by beyondpixels.at, Copyright by Wolcen Studio

Nun zum Balancing: Das klassenlose und in der Gestaltung der Ausrüstung völlig freie Charaktersystem von Wolcen hat zwar echt viele Vorteile, allerdings macht es das Looten oftmals sehr zäh. Einerseits, weil der Großteil an Loot für den eigenen Playstyle eher unbrauchbar ist, bzw.  es oftmals so scheint, dass die Attribute zu beliebig gerollt sind. So läuft man meistems seeehr lange Zeit mit der immer gleichen Ausrüstung herum, ohne wirklich etwas neues Brauchbares zu verticken, aber wenigstens freut sich Mohabi, der Händler, über all den Schrott. Auch die Droprate von Legendaries und Uniques ließ in meinem Playthrough sehr zu wünschen übrig, zwei davon musste ich sogar erst bei einer unregelmäßig und per Zufall auftauchenden Händlerin kaufen. Da muss Wolcen Studio wirklich nochmal Hand anlegen.

Wolcen - Das Fazit: Lass mich dich bitte endlich LIEBEN!

Ich habe seit Release Diablo 3 rauf und runter gezockt und so eine wahre Besessenheit für gutes Schnetzeln, Looten und Leveln entwickelt. Egal wie immer wenig sich das immer gleiche Meta-Game in den Seasons entwickelte, ich habe es genossen und die mangelnde Abwechslung genossen. Dann kam Wolcen und bot mir nach dem bequemen Einstieg dank der vielen „geklauten“ Mechaniken etc. eine Dosis an Freiheit, die genau richtig war. Path of Exile bietet diese individuelle Charakterentwicklung zwar auch, ist mir persönlich aber viel zu komplex gewesen. Wolcen findet also perfekt in dieser Nische Platz und hat deshalb sehr schnell einen großen Platz in meinem Monstermetzler Herzen belegt.

Wolcen könnte wie gesagt mein liebstes Action-RPG sein! Frei, Schön, einfach beim Einstieg und schwer zu meistern, dank CryEngine auch noch wunderschön, extrem personalisierbar und und und. Dazu ein absolut einzigartiges Endgame – Stichwort: ARPG meets Rundenstrategie. Aber dann stechen einem doch zunehmend die Fehler, Bugs und Balancingprobleme ins Auge, an denen die EntwicklerInnen von Wolcen Studio zwar akribisch arbeiten, aber dennoch nur mit Babysteps voranschreiten. Im Vergleich zum Release-Build von vor zwei Monaten siedelt sich das Frustlevel ohne die game-breaking-Bugs auch maximal auf einem moderatem Level an, aber dennoch kann ich Wolcen im momentanen Zustand bei allem Wohlwollen nur gehobene Mittelmäßigkeit attestieren. Wer Sitzfleisch hat und warten kann, bis Wolcen wirklich das Game ist, das es sein soll, muss diesem Rohdiamanten unbedingt eine Chance geben, alle anderen werden vermutlich nicht glücklich damit.

Wertung: 7.4 Pixel

für Wolcen (PC) im Test – Lass mich dich lieben! von Max Hohenwarter

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