Reales Grauen – The Town of Light im Test

von Marianne Kräuter 31.10.2020

Was könnte einem mehr Angst bereiten, als blutrünstige Monster oder rachsüchtige Geister? – Ich behaupte: Die Realität. All die Abscheulichkeiten, die sich Menschen ausgedacht und in die Tat umgesetzt haben. Gräueltaten, die sich in unseren Städten, mit unseren Vorfahren abspielten (und vielerorts heutzutage noch abspielen). Das Videospiel The Town of Light setzt uns keine übernatürlichen Schrecken vor, sondern führt uns an einen dunklen Ort europäischer Zeitgeschichte, zu einer Nervenheilanstalt des letzten Jahrhunderts. Mehr Horror geht nicht.

Fiktiv und doch real

Renée kehrt nach langer Zeit in eine mittlerweile aufgelassene Nervenheilanstalt zurück, in der sie um 1940 etliche Jahre als Patientin verbrachte, um die damals erlebten Schrecken aufzuarbeiten. Nach und nach erkundet Renée das verfallene Gebäude und erinnert sich an die damalige Hoffnungslosigkeit, die groben Misshandlungen und den allgegenwärtigen Wahnsinn.

Auch wenn Renée ein fiktiver Charakter ist, so steckt hinter der Handlung von The Town of Light doch viel Wahres: Das italienische Entwicklerstudio LKA hat sich das tatsächliche existierende Ospedal Psichiatrico di Volterra zum Vorbild genommen, welches in den 70ern aufgelassen wurde, und es digital nachgebildet. Die abscheulichen Umstände, unter denen Frauen hier untergebracht und behandelt wurden, entspringen historischen Gegebenheiten.

town of light - Außenansicht der Nervenheilanstalt

(c) LKA

Herzensprojekt

Man merkt The Town of Light an, dass es von einem kleinen Indie-Studio entwickelt wurde – im Positiven wie im Negativen. Die Technik galt bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als altbacken und von den wachsartigen Charaktermodellen geht ein ganz eigener Horror aus. Andererseits konnte das Team ihre kreative Vision unverwässert und kompromisslos umsetzen, was bei den polierten und massentauglichen Werken großer Studios nur im absoluten Ausnahmefall geschieht.

Gehen und Lauschen

In seiner Spielmechanik ist The Town of Light ein klassischer Walking Simulator mit etwa 3-4 Stunden Länge: Wir steuern Renée in der Egoperspektive durch die Nervenheilanstalt, lauschen ihren Gedanken und interagieren mit Gegenständen, um weitere Erinnerungen auszulösen. Auf Rätsel oder andere spielerisch fordernde Abschnitte wurde verzichtet. Dennoch war mir an ein paar Punkten unklar, was das Spiel von mir verlangte und es dauerte eine Weile, bis ich die Anweisungen richtig interpretiert hatte oder verstand, wo ich als nächstes hinmusste. Wie immer bei Vertretern dieses Genres habe ich mir spätestens nach der Hälfte der Spielzeit eine Sprint-Funktion herbeigesehnt, aber das wäre wohl der ernsten Stimmung abträglich gewesen.

Renées Geschichte, so wirkungsvoll sie auch in ihrer Gesamtheit ist, hat mich zwischendurch öfters verwirrt. Als SpielerIn puzzelt man sich das Geschehen aus unterschiedlichsten gefundenen Dokumenten, Tagebucheinträgen und Erinnerungsfetzen zusammen, die immer wieder Lücken lassen. Habe ich etwas übersehen? Handelt es sich bei diesen Leerstellen um Erinnerungslücken der Protagonistin? Oder hat hier einfach ein Autor, bzw. eine Autorin, geschlampt?

eine verstörende Erinnerung von Renée in The Town of Light

(c) LKA

Fazit: Ernst und schaurig

Wie sehr man von The Town of Light eingenommen wird, hängt zu einem guten Teil von den Erwartungen ab, mit denen man an das Spiel herantritt. Wer sich eine klassische Horrorerfahrung verspricht, dürfte ob des dürftigen Gameplays enttäuscht werden. Für einen Walking-Simulator hingegen ist die Stimmung des Spiels ausgesprochen beklemmend. Begreift man The Town of Light allerdings eher als Serious Game (á la Attentat 1942) oder als Geschichtspflege bezüglich eines schwerwiegenden historischen Missstands, entfaltet die Geschichte um Renée eine drückende Wirkung, die noch etliche Tage nach dem Abspann nachklingen dürfte.

Wertung: 7 Pixel

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