Pokémon Pokopia Test (Nintendo Switch 2): Befreundet sie alle!
Mit Pokémon Pokopia kommt ein neues Cozy Game auf den Markt, das sich deutlich von bisherigen Titeln unterscheidet.
Über Pokémon Pokopia
Statt über glatte Pflasterstraßen durch vorhersehbare Arenen zu wandern oder gegnerische Trainer in festgelegten Kämpfen zu besiegen, dürft ihr hier als Ditto in eine relativ leere Welt aufbrechen und diese von Grund auf neu erschaffen. Der Hersteller bewirbt sein jüngstes Werk auf der offiziellen Seite als Lebenssimulation, allerdings ist das nicht alles. Viel eher gibt es hier auch eine Spur Städtebauspiel nebst Sozialgame, und wer bereits Dragon Quest Builders, Minecraft oder Animal Crossing spielte, wird schnell die Kategorisierung verstehen.
Jedenfalls ist es in irgendeiner Art und Weise ein Neuanfang respektive ein schöner Bruch für die Serie, was diesen Ableger angeht. Denn anstatt Arenaleitern die Stirn zu bieten, die eigenen Monsterchen immer stärker werden zu lassen (ob mit oder ohne EP-Teiler wie damals noch in Blattgrün) und TMs und VMs zu sammeln, wird hier alles anders. Ob Pokémon Pokopia aber wirklich das hält, was sein Marketing verspricht, und ob dieses Abenteuer tatsächlich die Seele eines jeden Sammlers erfreut, das klären wir in diesem ausführlichen Test – willkommen beim ganz großen Bauvergnügen!
Wo sind die Pokébälle?
Pokémon Pokopia startet mit einer faszinierend düsteren Prämisse, die man der Marke so gar nicht zutraut: Ihr erwacht als Ditto in einer trostlosen, nahezu unbesiedelten Landschaft. Eine Welt ohne Gebäude, ohne Leben, ohne jeglichen Sinn für das Schöne. Menschen und Pokémon lebten einst glücklich zusammen, doch die Welt verkümmerte und die Menschen verschwanden. Der einzige verbleibende Bewohner ist ein Tangoloss, das ganz allein in dieser Einöde lebt. Als ein ungewöhnliches Ditto aus einem langen Schlaf erwacht, beschließt es, der trostlosen Umgebung zu altem Glanz zu verhelfen, und zwar mithilfe seiner Verwandlungskünste und seiner erstaunlichen handwerklichen Begabung. Das Konzept erinnert nicht zufällig an Dragon Quest Builders, wo wir ebenfalls eine zerstörte Welt mithilfe von Baumaterialien wieder aufzubauen hatten, oder an Minecraft mit seinem vollen kreativen Arsenal.
Der neueste Pokémon-Titel kombiniert diese bewährten Mechaniken jedoch mit der liebevollen Charakterdichte des Pokémon-Universums. Auch eine Prise des entspannten Life-Sim-Flairs aus Titeln wie Animal Crossing: New Horizons und Konsorten ist mit von der Partie. Von Anfang an wird deutlich, dass der Hersteller nicht einfach ein weiteres Abenteuer mit Pokébällen und Trainerkämpfen abliefern möchte, sondern vielmehr eine meditative Reise durch die Wiedergeburt einer Welt inszeniert. Denn hier treibt euch nichts, auch, wenn sich die Spielwelt mit der tatsächlichen Uhrzeit synchronisiert. Ihr habt jederzeit die volle Kontrolle. Und wie bei den besten Spielen dieser Kategorie beginnt alles, völlig unaufgeregt und ohne plötzliche dramatische Schnitte: Mit dem ersten Handgriff, dem ersten gelegten Block, dem allerersten Strauch, der aus eurer Hand wächst. Wie läuft das alles ab?
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Gemütlichkeit statt Action
Wer sich in Pokémon Pokopia zum ersten Mal umsieht, kann verständlicherweise ein wenig desorientiert wirken – denn das Spiel verzichtet vollständig auf Hinweistext, aggressive Tutorial-Sequenzen oder irgendwelche Pfeile, die euch in jede nur erdenkliche Richtung lenken wollen. Stattdessen erinnert die erste Spielstunde an die entspannende Weltentdeckung von Animal Crossing, wo ihr ohne Druck und mit Hilfe von Professor Tangoloss herausfinden werdet, was wo funktioniert und was nicht. Die Steuerung ist intuitiv: Mit dem linken Analogstick bewegt sich euer Ditto durch die Landschaft.
Der rechte Analogstick kümmert sich um die Kamera, während die digitalen Links/Rechts-Tasten für verschiedene Werkzeuge zuständig sind. Schon nach zehn Minuten habt ihr die Essentials verstanden: Ihr könnt Materialien sammeln, diese in ein einfaches Inventar ordnen und dann damit bauen. Das angenehme Gefühl hierbei: Pokémon Pokopia drängt nicht zur Eile. Es gibt keine Timer, keine versteckten Quests, die mit roten Ausrufezeichen nach euch rufen, sondern nur die pure Freude, selbst zu bestimmen, was in eurem digitalen Reich passieren soll. Wobei, Quests gibt es tatsächlich auch.
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Die Wünsche in Pokémon Pokopia
Aber alles der Reihe nach! Neben dem eh schon allseits bekannten Pokédex gibt es in Pokémon Pokopia auch einen Habitatdex. Denn in diesem Game fängt ihr die Pokémon nicht, sondern baut ihnen eigene Habitate oder Bleiben. Nach dem Zufallsprinzip (jedes Habitat lockt andere Monster an) erscheint dann dort manchmal ein Pokémon, das dieses Habitat fortan als sein Zuhause ansieht. Klar: Eine Blumenwiese lässt andere erscheinen als ein Gras an der Küste oder eine selbst gebastelte Notfallstation. Doch das Anlocken respektive „Einziehen lassen“ der Pokémon ist nur ein Teil des Ganzen.
Bevor ihr nämlich Langeweile verspürt, laufen eine Vielzahl von Taschenmonstern durch eure Umgebung und interagieren miteinander, mit der Umgebung und auch mit euch. Da werden Wünsche nach Spielzeug kommuniziert, oder ihr sollt euch eine Höhle näher ansehen, oder ein Pokémon mag auch mal umziehen. Während dies so irgendwie nach dem beliebten Animal Crossing: New Horizons klingt, ist es in der Praxis aber tatsächlich anders und etwas Eigenes. Die Dragon Quest Builders-Reihe war dramatisch unter Wert verkauft, und Pokémon Pokopia macht hier mit Hochdruck vieles besser und weiter.
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Der Aufbau vieler Umgebungen
Nach gut zwanzig Stunden mit Pokémon Pokopia kann ich guten Gewissens sagen: Das Spiel macht unglaublich viel Spaß, sofern ihr euch auf ein ganz anderes Abenteuer einlassen wollt als das der Kämpfe und der Pokédex-Komplettierung. Die Grundmechanik ist simpel, wirkt aber nie trivial: Ihr sammelt Materialien (Holz, Stein, Pflanzenteile), nehmt diese in eure Werkstatt und verarbeitet sie dort zu Möbeln, Gebäuden, Wegen und Dekorationen. Diese werden dann in eurer Welt platziert, und prompt wird diese ein kleines bisschen wunderschöner, ein klein wenig lebendiger. Nebenbei steigert ihr den Rang eurer Siedlung und von euch.
So schaltet ihr weitere Siedlungen neben Welkwüstia, Kalkbergia und Neulandia frei. Dabei erinnert die zunehmende Verwandlung der Umgebung tatsächlich an das Gefühl, das man beim Aufbau einer neuen Insel in Animal Crossing verspürt. Welche Pokémon sich in eurer Welt ansiedeln und wo ihr ihre Bleiben baut, bestimmt ihr selbst. Sucht ihr nach Harmonie und plant in regelmäßigen Quadraten? Oder bevorzugt ihr organische Formen und landschaftliche Besonderheiten? Pokémon Pokopia legt die Antwort auf diese Frage vollständig in eure Hände, eine bewundernswerte Freiheit, die gerade Nintendo-Spiele oft vermeiden.
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Was für ein Gameplay
Die unterschiedlichen Pokémon sind richtige Plaudertaschen. So haben sie immer etwas Wichtiges zu sagen, wenn ihr eine Sprechblase mit Text schon von Weitem seht. Das bringt euch nicht nur in der Welt, sondern auch bei so manchen Aufgaben weiter. Die ersten Stunden in Pokémon Pokopia sind zwar ein fast nicht enden wollendes Tutorial, gleichzeitig ist es aber auch bitter notwendig. Denn ehe ihr es euch verseht, werdet ihr plötzlich mit dem Erhöhen der Luftfeuchtigkeit eures Areals (kein Scherz!) betraut und jongliert verschiedene Fähigkeiten eures Ditto wie auch jene eurer Bewohner.
Pokopia ist vor allem eines: wholesome.
Verschiedene Talente sind notwendig, um unterschiedliche Strukturen zu erbauen. Während sich das Game immer mehr und mehr Feinheiten dazudichtet und ihr täglich euer bestes PokéLife lebt, erhaltet ihr so Münzen, die ihr im Shop wieder ausgeben dürft. Natürlich könnt ihr aber auch noch basteln, wenn es eure Zeit und euer Plan erlaubt. Ganz nebenbei erspäht ihr auch manches Mal wilde Pokémon oder bekommt von euren eigenen Pokémon-Freunden plötzlich Geschenke, die ihr sinnvoll einsetzen könnt. Das Inventar-Management ist auch in Pokémon Pokopia real: Jede Erweiterung des Rucksacks ist Goldes wert!
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Eigene Charaktere für Einzelspieler
Besonders bemerkenswert finde ich, wie es das Spiel schafft, allen Taschenmonstern eigene Verhaltensweisen zu verpassen. Das Schiggy, das sich ständig verspricht, ist ebenso süß wie das obercoole Sichlor, das euch kurzerhand (und als erster Bewohner überhaupt) den Spitznamen „Diggi“ verleiht. Ob dieser bemühte „Jugendsprech“ bei allen Anklang findet oder doch nur cringe ist, bleibt natürlich euch überlassen. Allerdings war das auch schon in den letzten Haupttiteln der Serie so. Noch interessanter wird es, wenn ihr feststellt, dass die Pokémon nach einer bestimmten Zeit zu euch ins Haus kommen können. Durch das Zusammenleben entsteht eine tiefere emotionale Bindung, die über das klassische Trainersystem hinausgeht. Zudem: Der Sound-Design-Aspekt verdient Lob.
Wo andere Spiele dieser Kategorie mit fröhlich-nervigen Loops arbeiten, nutzt Pokémon Pokopia subtile hauchige Hintergrund-Musik, die zum Entspannen einlädt, ohne je aufdringlich zu wirken. Fans erkennen natürlich eine Vielzahl der Tunes, was den Wert noch weiters erhöht. Genauso wie der Mehrspielermodus: Während die lokale Kampagne im Prinzip ein reines Tutorial für die offene Welt darstellt, könnt ihr in Neulandia mit anderen so richtig loslegen und gemeinsam bauen. Hier kommt dann auch ein Schuss Stardew Valley ins Spiel, und der Spaß- sowie Wiederspielwert des Titels steigt ins Unermessliche. Zufällige Wunderinseln könnt ihr online einmal am Tag besuchen und dort Materialien einstreifen. Ihr seht also, Inhalte gibt es mehr als genug, ihr müsst nur zugreifen!
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Pokémon Pokopia: Die Technik
Pokémon Pokopia nutzt das gleiche Engine-System wie die neuesten Pokémon-Titel, was bedeutet, dass wir ein schönes, modernes Abenteuer bekommen, ohne dabei grafisch an absolute Grenzen zu gehen. Es fällt aber auf, dass ihr stets extrem weit sehen könnt und die Welten auch richtig groß sind. Die Grafik-Ausstattung selbst ist ansprechend, die anfangs karge Welt wird durch eure Handlungen kontinuierlich farbenfroher, bis am Ende tatsächlich ein lebendes Ökosystem vor euch entsteht. Besonders gelungen ist hier die Lichtsetzung.
Während die Einöde noch am Anfang wirkt wie ein Moorland, verwandelt sich alles nach und nach ganz nach euren Wünschen. Die Steuerung funktioniert grundsätzlich hervorragend, da gibt es nichts zu meckern. Auch die Kamera, gern ein Schwachpunkt in 3D-Spielen, macht hier alles richtig! Der Sound arbeitet überwiegend mit Effekten für die Werkzeug-Sounds und einer meditativen Musik-Untermalung. Wer hier zu laut aufdrehende Sprache vermutet, wird erfreut überrascht: Pokémon Pokopia lässt euch in Frieden. Richtig wholesome!
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Fazit: So geht Cozy Game!
Pokémon Pokopia schien für den Hersteller ein riskantes Unterfangen: Ein ganzes Spiel ohne klassische Kämpfe, ohne Level-Ups, ohne das traditionelle Rittern um den Rang des oder der Besten? Das hätte so schiefgehen gehen. Doch die Pokémon Company beweist hier, dass die Liebe zur Serie nicht nur in actiongeladenen Abenteuern lebt, sondern auch in stillen Momenten, wenn ihr gemeinsam mit Freunden eine kleine Parkanlage baut oder zuschauen könnt, wie ein Pikachu friedlich auf einer Bank sitzt, die ihr gerade zusammengezimmert habt. Der Vergleich zu Animal Crossing und Dragon Quest Builders hinkt deshalb nicht, weil Pokémon Pokopia einfach nur abgeschrieben hätte, sondern weil es die beste Qualität dieser beiden Welten kindgerecht mit dem herzerwärmenden Universum der Pokémon verbindet.
Kritikpunkte gefällig? Neben einigen Aussagen der Marke „cringe“ müsst ihr manchmal sehr geduldig mit dem Fortschritt sein. Aber ansonsten? Das Anlocken der Pokémon heizt euren Sammeltrieb wie eh und je an, nur halt auf andere Weise, und die Spielzeit lässt sich beliebig strecken. Neue Pokémon-Arten gesellen sich hinzu, saisonale Events bringen neue Materialien, und die Community-Features ermöglichen unbegrenzten kreativen Austausch. Wer sich nach Ruhe sehnt, wer Dragon Quest Builders, Minecraft und Animal Crossing liebt und dabei auch noch seine Pokémon-Hingabe ausleben möchte, der bekommt mit Pokémon Pokopia ein Meisterwerk an meditativer Spiel-Philosophie: Gewaltfreie Entspannung mit tatsächlichem Sinn, Kreativität ohne Frustration, und eine Welt, die ein Cozy Highlight ist.