Perlentaucher vor R’lyeh im Test – Best-Of Cthulhu in einem Band

von Marianne Kräuter 12.12.2020

Auch wenn das Rollenspielsystem Cthulhu dem amerikanischen Verlag Chaosium entsprang, sind unter der fruchtbaren Führung des Pegasus Verlags im Laufe der letzten 20 Jahre viele exklusiv deutschsprachige Abenteuer und Erweiterungen erschienen. Für einen Jubiläumsband wurde mittels einer Onlineumfrage 2018/19 nach sprichwörtlichen Perlen unter diesen Erzählungen gesucht. Über 300 Titel standen ursprünglich zur Auswahl, sechs haben es letztendlich in die Abenteuersammlung Perlentaucher vor R’lyeh geschafft. – Doch sind diese so gut wie ihr schauriger Ruf?

Cover von Perlentucher vor R'lyeh

(c) Pegasus Spiele

Perlentaucher vor was?

Wer sich fragt, was es mit dem Buchtitel auf sich hat, wundert sich zu Recht. Denn in keinem Abenteuer wird darauf Bezug genommen. Ich vermute, dass der Titel einfach darauf anspielt, dass sich in diesem Jubiläumsband besondere „Perlen“ an Abenteuern befinden. Und mit „R’yleh“ – eine versunkene Stadt, die in Lovecrafts Kurzgeschichte Der Ruf des Cthulhu ihren Auftritt hat – wird die gedankliche Brücke zum hier behandelten Horroruniversum geschlagen. Naja. Solange der Inhalt stimmt, sind mir verwirrende Buchtitel herzlich wurscht.

Wo wir schon bei Äußerlichkeiten sind: Für etwa 30€ erhält man mit Perlentaucher vor R’lyeh ein schön gebundenes Buch mit 200 Seiten im Farbdruck, hübschem Lesebändchen und wattiertem Einband. Wie in sonstigen deutschen Ausgaben üblich, hat man auch in diesem Fall aus der Not des geringen Illustrationsbudgets eine Tugend gemacht und auf gemeinfreie Fotos aus alten Zeiten zurückgegriffen, um den Text stimmungsvoll auszukleiden. Auch die Handouts, die meist Zeitungsartikel, Briefe oder Tagebucheinträge mimen, wurden mit Liebe zum Detail gestaltet.

Alle dürfen sich fürchten!

Die thematische Bandbreite, die Perlentaucher vor R’lyeh bietet, ist beeindruckend. Hier dürfte für fast jeden Horrorgeschmack etwas Passendes dabei sein.

Zwei der Abenteuer präsentieren sich als „One-Shots“ mit bereits vorgefertigten InvestigatorInnen. Diese vorbereiteten Charaktere bringen zwei Vorteile mit sich: Erstens kann man den Horroraspekt ungeschönt ausspielen, da die Figuren sowieso nur für dieses eine Abenteuer zum Einsatz kommen. Zweitens ist die Beziehung der Charaktere zueinander perfekt abgestimmt, sodass sich spannende Interaktionen am Spieltisch entfalten können. Aus diesem Grund würde ich diese Abenteuer erfahreneren SpielerInnen empfehlen, die Freude am Ausspielen zwischenmenschlicher Beziehungen haben. Das erste dieser One-Shots, Der Sänger von Dhol, lässt die SpielerInnen in die Rolle einer verschlagenen norddeutschen Familie schlüpfen, die sich auf ihrer kleinen Heimatinsel auf furchterregende Art mit ihrer Abstammung konfrontiert sehen. In dem Abenteuer In Scherben hingegen zerschellen die Leben der InvestigatorInnen nach dem Tod ihres industriellen Gönners innerhalb weniger Tage vor der Kulisse politischer Turbulenzen im Jahre 1923 in Deutschland.

Zwei andere Abenteuer, die recht einfach mit eigenen Charakteren bespielt werden können, bringen die InvestigatorInnen mit Carcossa, dem Hof des gelben Königs, in Verbindung. In Der Lachende Mann treibt ein übernatürlicher Gaukler auf einem Jahrmarkt sein Unwesen, während in Pinselstriche nach und nach die Grenze zwischen Realität und Gemaltem verschwimmt. Auch wenn Gewalttaten hier nicht fehlen, spielt psychologischer Horror in diesen beiden Szenarien eine Hauptrolle.

Und wer es lieber expliziter möchte, findet in Kinder des Käfers und Die Mutter allen Eiters jede Menge ekelerregender Geschöpfe und Bodyhorror vom Feinsten.

Trigger-Warnung

Auch wenn Cthulhu ein Horror-Rollenspielsystem ist möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass manche Motive, die in Perlentaucher vor R’lyeh auftauchen, nichts für Zartbesaitete sind. Von grausamen Verstümmelungen an Kindern über brutale Inzest-Vergewaltigungen bis hin zu lebendig gehäuteten Tieren deckt der Abenteuerband ein breites Spektrum von Grausigkeiten ab. Dazu kommen Abenteuer, die spezielle Phobien ansprechen könnten, wie z.B. Clowns oder gigantische Insekten. Um sicherzugehen, dass alle Beteiligten Spaß an der Sache haben, schadet es also sicher nicht, vorher kurz abzuklären, ob irgendwelche Horrorthemen für die SpielerInnen tabu sind.

Selbstverständlich meine ich diesen „Warnhinweis“ als absolutes Kompliment für die hier vorliegenden Abenteuer, die allesamt interaktive Schauergeschichten auf höchstem Niveau bieten.

Gut durchdacht

Nicht nur die SpielerInnen, auch SpielleiterInnen dürfen sich über die gut ausgearbeiteten Abenteuer in Perlentaucher vor R’lyeh freuen. Schauplätze, Nichtspielercharaktere und mögliche Handlungswege werden detailliert beschrieben, wodurch sich ohne viel Aufwand immersive Erfahrungen an den Spieltisch zaubern lassen. Da die Abenteuer allesamt aus der Feder unterschiedlicher AutorInnen stammen, variiert deren Struktur und Schreibstil ein wenig. Ich empfand sie jedoch ausnahmslos übersichtlich und stimmungsvoll.

Fazit: Zeitloser Schrecken

Perlentaucher vor R’lyeh bündelt sechs schaurige Abenteuer, die viel Spannung und Atmosphäre an den Spieltisch bringen. Wer die Erstauflage dieser Geschichten verpasst hat, sollte sich dieses Schmankerl nicht entgehen lassen. Wer allerdings die meisten Abenteuer bereits im Original besitzt, bekommt hier bis auf Regelanpassungen an die neuste Edition nichts Neues geboten.

Wertung: 9 Pixel

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