Nier Replicant Test von Yoko Taros großer Endzeit-Oper

von Mathias Rainer 09.05.2021

ver1.2244487139… ist seit dem 23. April 2021 für die Playstation 4, die Xbox One sowie Steam erhältlich. In unserem Nier Replicant Test fühlen wir der aufpolierten Version von Yoko Taros Action-Rollenspiel auf den Zahn.

In unserem Review beleuchten wir die Playstation-Version des Games. Da die Story des Titels nun auch schon seit über 10 Jahren frei zugänglich ist – diese wurde grundsätzlich ja nicht abgeändert – wird im Text auch an der einen oder anderen Ecke auch gespoilert werden. Eine Spoilerwarnung für Teile des Tests sei an dieser Stelle aber noch einmal explizit ausgesprochen.

Nier Replicant: Daten und Fakten

  • Datum der Erstveröffentlichung: 22. April 2010 (Replicant und Gestalt)
  • Aktuelle Veröffentlichung: 23. April 2021 Nier Replicant ver1.2244487139…
  • Genre: Action-Rollenspiel, Hack & Slash, Text-Adventure
  • Spielmodus: Einzelspieler
  • Plattformen: Playstation 4, Xbox One, Microsoft Windows (auf Steam)
  • Altersfreigabe: PEGI 18, USK 16
  • Entwickler: Toylogic
  • Publisher: Square Enix
  • Vertonung: nur Englisch und Japanisch
  • Sprachen (Texte, Untertitel): Deutsch, Englisch, Japanisch sowie weitere
  • Editionen und Preis: Standard-Edition für 59,99 Euro

Nier Replicant Test Yoko Taros großer Endzeit-Oper

Als Nier damals im Jahr 2010 als Spinoff zur mäßig gepriesenen aber unter Fans gelobten Drakengard-Reihe herausgebracht wurde, ging das Game spurlos an mir vorrüber. Erst 2017 wurde ich mit dem offiziellen Nachfolger Nier: Automata auf Yoko Taro und sein künstlerisches Schaffen aufmerksam. Der Titel brach damals traditionelle japanische Rollenspiel-Elemente mit frischer Gameplay-Abwechslung auf und wusste auch aufgrund seiner verschachtelten Erzählstruktur zu überzeugen. Die Videospiel-Welt war verblüfft und auch wir waren voll des Lobes für das unkonventionell aufgebaute Roboter-Spektakel wie man unserem Review entnehmen kann.

In der Folge interessierte natürlich auch das größere Ganze hinter der, vom japanischen Videospiel-Exzentriker Yoko Taro, geschaffenen Welt. Nier Replicant und Gestalt – beides unterschiedliche Versionen des selben Spiels ähnlich Pokémon Rot und Blau – sowie Nier: Automata entspringen einem abgefahrenen Ende des ersten Drakengard-Teils. In diesem stürzt eine nackte Riesin durch ein Dimensionsportal auf das Tokio des 21. Jahrhunderts.

Beim Versuch das Ungetüm mit Waffengewalt aufzuhalten wird der Feind zwar besiegt, die Überreste der Riesin regnen aber als Asche auf die Stadt nieder. Die in der Asche enthaltenen fremdartigen Partikel lösen bei der Bevölkerung des Planeten nach und nach das sogenannte Weiße Chlorierungs-Syndrom aus – eine Krankheit, welche die Menschheit schonbald an den Rand des Untergangs drängt. Dieses Ereignis bildet das Setup für alle weiteren Ereignisse in Nier.

Auch deshalb war ich voller Vorfreude und Erwartung an die wiederaufgeführte Oper Yoko Taros, die im Jahr 2021 in aufpolierter Form daher kommt. Für diese Remastered-Version hat man sich nun eben dazu entschieden, dem Pfad von Nier Replicant zu folgen. Auf diesem folgt man den Ereignissen der Geschichte aus der Sicht des Bruders und nicht des gealterten Vaters der Gestalt-Alternative. Gespannt nahm ich den Controller in die Hand.

Nier Replicant Test

Quelle: nier.square-enix-games.com

Die Welt als Schmuckkistchen

Das PS4-Pad legte ich dann aber nach wenigen Sekunden auch schon wieder aus der Hand. Nachdem mir das Game im Zuge des Downloads zu verstehen gegeben hat, dass es jetzt spielbar wäre, hing ich nach dem Start im Ladescreen fest. Erst durch kurz Internet-Recherche war klar, dass man erst loslegen kann, wenn der Titel vollständig geladen ist. Keine große Sache, sorgt aber schon einmal initial für so manche Irritation. Diese sollte sich auch in der Folge über die gesamte Spielzeit hinweg wie ein roter Faden durch meine Eindrücke ziehen.

Nier Replicant beginnt nicht brachial und überraschend wie Automata mit einer Top-Down Shooter-Sequenz die in einem fulminanten Bossfight gegen eine riesige Blechbox endet. Stattdessen wird uns erst einmal in einem ruhigen Intro die Beziehung zwischen unserem jungen Protagonisten und seiner totkranken Schwester nähergebracht. In wenigen Minuten wird uns hier auch das grundlegende Gameplay durch Kämpfe mit ein paar Gegnern – genannt Schatten – erläutert. Die beiden Einstiege sind aber in punkto Inszenierung überhaupt nicht miteinander zu vergleichen. Nier Automata zieht uns binnen weniger Sekunden komplett in das Game hinein. Nier Replicant lässt mich eher mit einigen Fragezeichen und Schulterzucken zurück.

Das liegt vor allem auch daran, dass der Titel nach der Einstiegssequenz einen massiven Zeitsprung von mehreren 100 Jahren durchführt. Wir befinden uns jetzt nicht mehr in einer Welt, die noch an unser 21. Jahrhundert mit seinen Hochhaus-Schluchten und Metropolen erinnert. Stattdessen mutet die neue Umgebung in die wir geworfen werden an, wie das klassische mittelalterliche Fantasy-Setting. Der junge Protagonist legt mit seiner Schwester in einem Häuschen unweit eines kleinen Dorfes. Es gibt einen Händler der uns Waren verkauft, einen Schmied der uns mit Waffen versorgt und in der örtlichen Bibliothek sitz die “Bürgermeisterin” Popola, welche uns unter anderem mit neuen Quests versorgt.

Auch die Welt an sich ist sehr überschaubar. Neben dem Dörfchen tun sich uns eine Handvoll Wege auf, die uns in einen Märchenwald, einen Adlerhorst, auf einen Schrotthaufen, in eine staubtrockene Wüste sowie an die Küste führen. In der Präsentation habe ich mich hier sehr stark an die überschaubare Landschaft eines The Legend of Zelda: Ocarina of Time erinnert gefühlt. Diese Reduzierung ist dem Spiel auch im Prinzip sehr zuträglich. Yoko Taros ursprüngliches Team von 2010 hat aus dem mangelnden Budget eine Tugend gemacht und eine schmucke, kleine Welt geschaffen, in der man sich innerhalb weniger Minuten problemlos zurecht findet.

Nier Replicant Test

Quelle: nier.square-enix-games.com

Spießrutenlauf – The Game

Nur an der grundsätzliche Prämisse hat sich nichts verändert. Die Schwester Yonah ist auch in diesem Setting noch immer schwerkrank und braucht dringend ein Heilmittel. Es stellt sich natürlich hier schon die Frage, wie denn dieses Geschwisterpaar mit jenem aus dem Intro zusammenhängt. Durch diese Frage getrieben machen wir uns deshalb als verantwortungsvoller Bruder ohne zu zögern auf den beschwerlichen Weg.

Wer geglaubt hat, dass wir schnell auf eine Antwort stoßen werden, der hat die Rechnung an dieser Stelle ohne Yoko Taro gemacht. Erst einmal erhalten wir von Chefin Popola und den Dorfbewohnern eine Reihe typischer Fetch-Quests: “Sammle 10 Stück Ziegenfleisch”, “Such das verloren gegangene Ei” oder auch “Töte das randalierende Wildschein”. Natürlich haben diese Aufgaben Priorität bevor wir uns ernsthaft auf die Suche nach einem Heilmittel machen. Mehr als den klassischen Spießrutenlauf von einem Ort zum anderen haben diese einführenden Tätigkeiten aber nicht zu bieten.

Für mich ist absolut nicht nachvollziehbar, warum es diese Spielstreckung übehaupt in die Main-Quest geschafft hat. Klar hatte man bei Entwickler Cavia damals nur geringe Geldmittel zur Verfügung und konnte auf diese Art die Geschichte in die Länge ziehen. Das kommt dem Spiel aber leider nicht zu Gute. Macht doch lieber ein knackiges 15 Stunden Game daraus! Und wer auf solche Fetch-Quests auch in einem offensichtlich Story getriebenen Titel wie Nier Replicant nicht verzichten kann, der darf das ja genre im Rahmen optionaler Aufträge machen. So hingegen werden alle Spieler erst einmal mit unterfordernden Sammel-Einlagen abgespeist bis wir dann endlich auch zu den ersten Story-Höhepunkten gelangen.

Unsere Suche nach einem Heilmittel führt unseren Protagonisten nämlich in die gar nicht so entlegenen Orte der Map. Dort erhalten wir jeweils auch neue Party-Mitglieder, die sich uns anschließend und uns im Kampf gegen jeweils furchteinflößende Schatten-Bosse unterstützten. In einem verlassenen Tempel schließt sich uns etwa das eloquente magische Buch Grimoire Weiss an. Sogar dieser macht sich im übrigen regelmäßig über die Fetch-Quests im Spiel lustig! Auch ein Indiz dafür, dass die Entwickler genau wussten, was sie hier eigentlich für einen Fauxpas in Sachen Game-Design veranstalten.

Im Gefecht gegen einen besonders bösartigen Schatten steht uns im weiteren Verlauf auch die vulgäre Kriegerin Kainé zur Seite. Diese nimmt – ebenso wie der noch zur Party stoßende Magier Emil – eine Sonderstellung in der Geschichte des Spiels ein. Besonders Emil wird wahrscheinlich vielen Zockern noch aus Nier: Automata ein Begriff sein. Das neue formierte Team aus verzweifelten und teilweise sogar ausgestoßenen Charakteren begiebt sich fortan gemeinsam auf die Suche.

Nier Replicant Test

Quelle: nier.square-enix-games.com

Als ein nicht näher benannter Schattenlord Yonah aus dem Dorf entführt finden unsere Helden in diesem vorest ihren Meister. Die Situation scheint ausweglos und Kainé wird sogar in Stein verwandelt. An diesem Punkt macht das Spiel einen Zeitsprung von 5 Jahren ehe wir als erwachsenerer Protagonist wieder auf den Plan treten. Unser Ziele sind nun auch breitgefecherter: befreien wir Kainé aus ihrer Versteinerung, finden und befreien wir Yonah aus den Fängen des mysteriösen Schattenlords und retten sie vor ihrem drohenden Ende.

Man möchte meinen, dass die Story nun erst so richtig an Fahrt aufnimmt, oder? Stattdessen statten wir erneut Popola einen Besuch ab, die uns erst wieder eine Reihe von unsinnigen Aufgaben anvertraut, ehe wir uns wieder daran machen können, die bereits bekannten Gebiete – die sich im übrigen auch trotz den vergangengen 5 Jahren so gut wie gar nicht verändert haben – nach Schlüsselfragmenten abzusuchen. Wir verbringen nun erneut teilweise gut 30 Minuten damit von einem Ort zu anderen zu laufen nur um dann kurz 2 Zeilen Text mit einem unwichtigen NPC zu wechseln ehe es dann an den exakt gleichen Ort zurückgeht. Puh, da musste ich erst einmal schlucken.

Nier Replicant Test des Kampfsystems

An dieser Stelle trifft es sich ganz gut, einmal über die Spielmechaniken und Eigenheiten von Nier Replicant zu sinnieren. Den Anfang mache ich hier mit der größten Änderung und auch Verbesserung: dem Kampfsystem. Dieses war im ursprünglichen Titel hakelig und behäbig wurde aber für die überarbeitete Version dem Hack- und Slash-Stil von Nier: Automata nachempfunden. Soll heißen, die Bewegungen sind nun präzise ausführbar. Durch die blitzschnelle Steuerung ergibt sich eine gute Dynamik in den Kämpfen.

Mit den Magie-Fähigkeiten unseres Kumpanen Grimoire Weiss können wir auch ähnlich den Bots von 2B aus der Distanz angreifen. Gerade als erwachsenener Protagonist bekommen die Kämpfe noch einmal eine neue Tiefe, da wir ab diesem Zeitpunkt auch die Möglichkeit haben, neben den einhändigen Waffen nun auch große Zweihandschwerter sowie Speere zu führen. Für die vielen verschiedenene Waffen können zudem veschiedene Angriffs-Kombinationen durchgeführt werden. Zudem können wir durch Magie verschiedene Dunkle Zaubersprüche ausführen.

Insgesamt gefällt mir das Kampfsystem hier sogar etwas besser als das von Nier: Automata. Es ist schwer auszumachen, woran das genau liegt. Eventuell, weil das Team rund von Toylogic für die Überarbeitung 3 Jahre Zeit hatte. Oder es liegt einfach daran, dass man zum Ausweichen von Angriffen nun eine Rolle anstatt eines meiner Meinung nach eher ungenauen Dashs durchführt.

So oder so wäre diese Tiefe für die Kämpfe nicht zingend notwendig gewesen. Denn das Game stellt euch auch auf dem allerhöchsten Schwierigkeitsgrad auf keine wirkliche Probe. Auch nicht in den Bosskämpfen – die dafür aber umso fantastischer gemacht sind. An der Art und Weise wie Yoko Taro diese Kämpfe gegen gigantische Bestien und Roboter teilweise inszeniert, können sich andere Entwickler noch eine Scheibe abschneiden. Oft haben diese Kolosse mehrere Phasen und bombardieren uns mit einer wahren Flug an Projektielen. Hier in jeder Sekunde die Oberhand zu behalten und am Ende den Kampf siegreich zu bestreiten hat wirklich in jedem Fight aufs Neue sehr viel Spaß gemacht.

Nier Replicant Test

Quelle: nier.square-enix-games.com

Bunter Genre-Mix, Soundtrack und Grafik

Leider kann ich diese Verbesserung nicht bei allen Komponenten des Spiels ausmachen. Die Menü-Struktur ist immer noch nicht sehr benutzerfreundlich. Nach meiner ersten Session habe ich erst einmal 5 Minuten gebraucht um überhaupt die Einstellung zu finden, mit welcher ich aus dem Game in das Hauptmenü zurückkehren kann. Während das bei modernen Titeln effektiv über maximal 2 Klicks machbar ist, muss ich bei Nier Replicant umständlich über mehrere Untermenüs navigieren.

Auch die Grafik hat einen jetzt nicht aus den Socken. Diese war weder damals bei der Erstveröffentlichung noch bei Nier: Automata auch kein großer Hit, dennoch fällt mir einfach während dem spielen auf wie verwaschen Texturen aussehen. Das geht im Jahr 2021 auf jeden Fall besser. Auffallend ist auch, wie beschränkt unser Handlungsrahmen in der Bewegung durch die eh schon eingeschränkte Spielwelt tatsächlich ist.

Wir steuern ja einen grundsätzlich sehr mobilen Charakter, der sich aber an so manchem kleinen Busch am Wegesrand mit einer unüberwindbaren, unsichtbaren Mauer konfrontiert sieht. Auch hier wäre eventuell etwas mehr Polishing auf Kosten der Spielzeit die bessere Wahl gewesen. Klar, das sind für sich genommen alles keine großen Kritikpunkte, führen in der  Häufigkeit und Menge solcher Kleinigkeiten aber auch nicht dazu, dass ich während dem Zocken ständig Lobeshymnen abfeuere.

Abfeuern tut hingegen weierhin Yoko Taro wenn es um die Fusionierung diverser Genres in Nier Replicant geht. Während wie schon oben beschrieben das Kampfsystem größtenteils im Hack und Slash Stil aus der Third-Person-Perspektive stattfindet, wechselt es im Spiel auch einfach einmal die Kamera zu einer Top-Down-Ansicht. Auch vereinzelte Side-Scroller-Abschnitte gehören zum Repertoire. Zur Einstreuung einzelner, größerer Story-Happen baut sich das Game auch einmal komplett zu einem Text-Adventure um.

Es gibt zum Beispiel eine Passage im Märchenwald, in der wir es mit einem besonders eigenwilligen Schatten zu tun bekommen. Dieser lullt uns in einen tiefen Schlaf, woraufhin der Bildschirm schwarz wird und wir das Geschehen ausschließlich durch Text vermittelt bekommen. In die Erzählung werden dann auch Fragestellungen eingewoben. Beantwortet man eine dieser Fragen dann aber falsch, muss man die komplette Traumsequenz noch einmal durchspielen. Das ist dann wieder ärgerlich.

Bei mir hat das konkret dazu geführt, dass ich die immer gleiche Text-Abschnitte wiederholt durchklicken musste. Für eine Remastered-Version hätte man sich auch hier eine Verbesserung im Handling wünschen können. Grundsätzlich versprühen diese temporären Perspektivwechsel aber einen ungemein erfrischenden Wind was das Aufbrechen der bis dahin immer gleichen Gameplay-Abläufe angeht.

Auch der Soundtrack ist mittlerweile Nier-Franchise-typisch wieder eine Klasse für sich. Die Stücke fangen die Stimmung unserer Figuren immer wieder ideal ein und je näher wir dem Höhepunkt der Handlung kommen, umso epischer erklingen die Chöre.

Quelle: nier.square-enix-games.com

Konfrontation mit der Wahrheit

Mit dem Zusammensetzen der insgesamt 5 Schlüsselfragmente nähern wir uns auch tatsächlich unweigerlich der Rettung Yonahs und dem Ende des Spiels. Wir betreten das Schloss des Schattenlords. In der Folge überschlagen sich die Ereignisse. Popola und ihre Zwillingsschwester Devola geben sich als Androiden im Dienste der Menschheit zu erkennen, die uns als Spieler “schweren Herzens” davon abhalten wollen weiter vozudringen. WTF?

Obwohl ich es dem Spiel im Rahmen seiner Handlung schon abkaufe, dass es den beiden Mädels auch wirklich schwer fällt uns zu bekämpfen, steht das Gameplay hier im Kontrast zur Tonalität der Cutscene. Während des Gefechts führen sich die beiden Androidinnen eher auf wie diabolisch lachende Berserker, die nicht den Funken von Reue in sich tragen. Ich bin wiederholt ein wenig irritiert vom Spiel. Und diese Szene ist nur ein Synonym für mehrere Stellen an denen es mir ähnlich geht und die mich daran hindern eine tiefere Verbindung zu den tragischen Schicksalen der Charaktere aufzubauen und in die Grundprämisse der Story emotional involviert zu sein.

Als es zur finalen Konfrontation mit dem Schattenlord kommt werden wir auch endlich mit der bitteren Wahrheit des Spiels konfrontiert. Wir spielen eigentlich gar keinen Menschen. Die eigentliche Menschen sind der Schattenlord und all sein Gefolge. Durch die Ereignisse aus dem Drakengard-Ende gab es für die Menschheit keine Hilfe und man hat sich über die Jahrhunderte in ebenjene Schatten verwandelt. Ursprünglich rief man das Projekt Gestalt ins Leben, damit man dem menschlichen Körper entfliehen und in sogenannten Hüllen weiterleben können würde.

Die Hüllen aber haben ein Eigenleben entwickelt und so scheiterte Projekt Gestalt. Wir spielen in Wirklichkeit genau so eine Hülle. Verzweifelt versuchen die Schatten nun ihre vom menschlichen Körper getrennten Hüllen zurückzubekommen, damit diese in Frieden weiterleben können. Am Ende hat der Schattenlord hat nur versucht, dem menschlichen seiner Schwester Yonah ihre Hülle wiederzubringen.

Die Sache mit den Durchläufen

Wer Yoko Taros Werke kennt, der weiß, dass seine Games mit dem einmaligen Durchspielen noch lange nicht abgeschlossen sind. Für ein vollständiges Verstehen der Geschichte sind mehrere Durchläufe und daraus resultierene Enden unabdingbar. So auch in Nier Replicant. Nachdem wir Ende A gesehen haben warten nun noch 4 weitere darauf, von uns freigeschalten zu werden. Hier tut sich nun eine große Problematik auf.

Während man in Nier: Automata nach dem Durchspielen im neuen Playthrough sofort einen Perspektivwechsel erfährt, startet Durchlauf B hier nahezu exakt wie der erste. Wir bekommen zwar ein paar neue Sichtweisen aufgezeigt, diese finden aber ausschließlich durch neue Dialogzeilen und abgeänderte Cutscenes statt. Die daraus gewonnene Erkenntnis, dass Schatten ja eigentlich doch nur Menschen und dadurch ebenso zu Gefühlen fähig sind, ist dabei auch keine so große mehr. Zumal sich das Kramen in der emotionalen Kiste wiederum nur auf ebenjene Situationen beschränkt. Im regulären Gameplay metzeln wir erst wieder Horden von Schatten nieder ohne auch nur einmal zu reflektieren.

Am Ende bekommen wir dann eine etwas abgeänderte Sequenz zu sehen, was uns als Ende B präsentiert wird. Die wahren Enden stehen uns aber anscheinend noch bevor, also ist an der Stelle der 3. Playthrough angesagt. Nier: Automata schaltet für den Spieler an dieser Stelle das Feature frei, an ein beliebiges Kapitel der Handlung zu springen um so noch weitere Enden einsehen zu können. Nicht so in Nier Replicant von 2021. Wollen wir also auch die wirklich aussagekräftigen Enden sehen, bleibt uns nichts anderes übrig, als die immer gleichen Spielabschnitte immer und immer und immer wieder durchzuspielen.

Das führt dazu, dass ich den Level Schrotthaufen mittlerweile einfach nicht mehr sehen kann. So hart es klingt, aber so gut sind die Level dann halt auch nicht aufgebaut, dass ich mir denke “cool, ich möchte den selben Abschnitt wieder und wieder erneut spielen”. Tatsächlich wird im Level-Design klassisches Backtracking aus der Hölle groß geschrieben. Man verkloppt die immer gleichen Gegnertypen in den immer trister wirkenden Arealen.

Dabei könnt ihr das wahre Ende des Spiels auch mit dem wiederholten Durchspielen noch verpassen! Um die finale Entscheidungsmöglichkeit nach dem Kampf mit dem Schattenlord zu haben, ob ihr Kainé erlösen oder sie wiedererwecken wollt, überhaupt zu bekommen müsst ihr sämtliche im Spiel erwerbbare Waffen besitzen. Dafür braucht ihr wiederum eine Menge Kohle und die bekommt ihr nur, wenn ihr einen großen Batzen an nervigen Fetch-Sidequests abarbeitet. Dieser Part ist wirklich ermüdend.

Dabei ist die Belohnung eine richtig gute! Wenn ihr euch für Ende D und die damit verbundene Wiedererweckung Kainés entscheidet, werdet ihr vom Spiel dazu aufgefordert eure gesamte Existenz auzulöschen. Das inkludiert in der Sprache von Yoko Taro euren gesamten Spielstand zu löschen. Das nenne ich einmal eine echt mutige Entscheidung eines Entwicklers, so eine Entscheidung in ein Game einzubauen. Ein wirklich kreatives Element, weil der Spieler natürlich auch den realen Verlust – seiner hart investierte Zeit – in Kauf nehmen muss.

Hat man danach noch immer nicht genug kann man das Spiel noch einmal bei Null mit dem Intro von Yonah und ihrem Bruder beginnen. Anders als ein normaler weiterer Durchlauf biegt das Spiel an einer bestimmten Stelle dann aber in eine nicht vorhersehbare Seitenstraße ab. Man spielt plötzlich Kainé Jahre nach den Ereignissen von Ende D. An dieser Stelle haben sich die Entwickler für ver1.2244487139… noch einmal einen gänzlich neuen Spielabschnitt samt großem Finale und natürlich auch Ende einfallen lassen. Auch das ist wieder ganz großes Kino. Um aber überhaupt an diesen Punkt zu kommen, ist für meine Begriffe aber einfach viel zu viel vorhergehender Blödsinn notwendig.

Quelle: nier.square-enix-games.com

Fazit zu Yoko Taros großer Endzeit-Oper

Nier Replicant ist und bleibt auch auch in ver1.2244487139… ein streitbares Spiel. Wer in den offensichtlichen Höhepunkten des Titels emotional ergriffen ist, der wird auch über die ebenso schamlos ausgebreiten Schwächen noch eher hinwegsehen können. Und das ist auch absolut legitim! Wer bin ich denn, dass ich jemandem vorschreiben kann, wann er denn jetzt berührt sein darf und wann nicht?

Wer aber eben so wie ich von Story und dem Schicksal der Charaktere nicht immer wahnsinnig ergriffen war, dem schlägt Yoko Taro mit seinen fragwürdigen Entscheidungen aber zeitweise offen in das irritierte Gesicht. Grafisch war Nier ja sowieso noch nie ein Leckerbissen. Aber auch in punkto Level- und vor allem Quest-Design war das Game auch schon im Jahr 2010 nicht mehr zeitgemäß.

In der nun erschienenen Remastered-Version hätte man nun die Möglichkeit gehabt, damals – vielleicht auch aus mangelndem Budget – getätigte Fehler auszubügeln. Das ist dem Entwicklerstudio Toylogic mit dem Kampfsystem auch gelungen. Dieses fühlt sich im direkten Vergleich mit Nier: Automata für mich persönlich sogar noch eine Spur besser an. An allen anderen Enden wie etwa Quality-of-Life-Verbesserungen für den Spieler hat man einen wenig eleganten Bogen gemacht.

Wertung: 7.9 Pixel

für Nier Replicant Test von Yoko Taros großer Endzeit-Oper von Mathias Rainer
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Absolute Zustimmung! Guter Review!