Kleiner, gelber Sherlock: Meisterdetektiv Pikachu im Test

von Marianne Kräuter 13.04.2018

Zündet euch ein Pfeifchen an, setzt eure Denkmütze auf und staubt eure Nintendo-Handhelds ab: In Meisterdetektiv Pikachu begleiten wir Tim Goodman und den titelgebenden, kleinen Detektiv bei ihren ersten Fällen. Wie viel Spaß das ungewöhliche Pokémon-Abenteuer macht, verrät euch mein Testbericht.

Die gute alte Amnesie

Doch worum geht es überhaupt? – Der frischgebackene Highschool-Absolvent Tim Goodman reist in die große Stadt, um dort nach seinem seit ein paar Monaten verschollenen Vater zu suchen. Dabei trifft Tim zufällig auf ein kluges Pikachu, das Tims Vater als Partner-Pokémon bei Kriminalfällen zur Hand ging. Und zufällig ist Tim der einzige, der Pikachus Tierrufe als menschliche Stimme wahrnimmt (die etwa wie die von Dwayne „The Rock“ Johnson klingt…).

Kann also Pikachu Tim zu seinem Vater führen und das Geheimnis um dessen Verschwinden lüften? – Nun, so einfach ist es leider nicht. Pikachu hat unter mysteriösen Umständen sein Gedächtnis sowie seine Kräfte verloren und weiß nicht mehr als der ratlose Sohn. So machen sich die beiden gemeinsam auf die Suche nach Tims Vater und lösen dabei allerlei Kriminalfälle, in denen Pokémon eine wichtige Rolle spielen.

Ja, die Geschichte ist seicht und fast sämtliche ProtagonistInnen eindimensional. Getreu dem Motto „Nomen est Omen“ ist Tim Goodmans einzige Eigenschaft, nett zu sein. Darüber hinaus werden viele Dinge nicht geklärt: Warum kann nur Tim Pikachu verstehen, dafür aber keine anderen Pokémon? Warum hat Pikachu seine Kräfte verloren? Auch das Ende des Spiels empfand ich als unbefriedigend, da es Vieles offen lässt und klar auf eine Fortsetzung spekuliert.

Buntes Treiben in der Stadt

Die einzelnen Fälle, über die Tim und Pikachu bei ihrer Suche stolpern, spielen sich an unterschiedlichen Schauplätzen einer Stadt ab. Während ich in der Hauptreihe der Pokémon-Spiele große Städte immer als steril und unbelebt empfand, funktioniert hier die Darstellung des Zusammenlebens von Menschen und Taschenmonstern gut: Wir sehen Leute, die mit ihren Hundepokémon Gassi gehen, wilde Pokémon, die in Parks oder Höhlen leben und welche, die Menschen bei ihrer Arbeit zur Hand gehen.

Begegnet man zum ersten Mal einer neuen Pokémonart, wird diese mit einer netten Mini-Introsequenz eingeführt. So habe ich die kleinen, knuffigen Burmys, die sich in Bäumen verstecken und ihren Namen so zuckersüß quietschen können, als neue Lieblingspokémon entdeckt. Auch die Animationen des Pikachus sind süß: Öfters kann man es in kurzen Sequenzen dabei beobachten, wie es Unfug treibt. Und wenn Tim vorneweg läuft, bemüht es sich angestrengt watschelnd zu dem Jungen aufzuholen. – An Charme und Detailverliebtheit mangelt es Meisterdetektiv Pikachu also nicht.

Ausdauer muss man haben

Aber reden wir mal darüber, wie sich Meisterdetektiv Pikachu tatsächlich spielt: Hier wird deutlich, dass die Zielgruppe eindeutig bei jüngeren Kindern liegt; Jugendliche und Erwachsene dürften sich recht schnell langweilen.

Das liegt zum einen daran, dass Meisterdetektiv Pikachu äußerst linear aufgebaut ist. Das Spiel entscheidet, wann man ein neues begrenztes Areal betreten kann und hält einen dort fest, bis der Fall gelöst ist. Dabei untersucht man Tatorte nach Hinweisen und befragt menschliche wie tierische Zeugen mit einer vorgefertigten Liste an Fragen. Hin und wieder gilt es, in (gut inszenierten) filmischen Sequenzen Quicktime-Events zu bestehen.  Hat man genügend Aussagen oder Hinweise gesammelt, gelangt man zu einem „Ermittlungsbildschirm“, auf dem man korrekte Schlussfolgerungen mittels der bekannten Informationen treffen muss.

Da Pikachu Tim nach jedem einzelnen Schritt sagt, wie es weiter geht, und die untersuchbaren Areale sehr überschaubar bleiben, ist das Lösen der Fälle geradezu ein Kinderspiel. Anstrengend ist hier nur, dass man des öfteren die Lösung bereits weiß, das Spiel diese jedoch erst zulässt, wenn man genau das richtige Puzzlestück gefunden hat. Was dazu führt, dass man enerviert nochmals alle bereits besuchten Stationen abklappert. Und auch wenn sich die EntwicklerInnen Mühe gegeben haben, unterschiedliche Schauplätze und Szenarien einzubauen, ähnelt sich jeder Fall rein spielerisch doch zu sehr, um einen lange bei Laune zu halten.

Pädagogisch wertvoll?

Hier möchte ich aber nochmals betonen, dass ich mit Mitte 20 sicher nicht die primäre Zielgruppe des Spiels bin. Tatsächlich sehe ich das Spiel beinahe als Edutainment für Kinder im Grundschulalter: Man muss sinnerfassend lesen können, um die Aussagen der ZeugInnen zu verstehen und die richtigen logischen Schlussfolgerungen zu treffen. Somit werden auch Grundzüge logischen Denkens gut vermittelt.

Fazit zu Meisterdetektiv Pikachu

Mir gefällt, wie charmant Meisterdetektiv Pikachu das Zusammenleben zwischen Menschen und Pokémon darstellt. Doch leider wird das Potential dieses Szenarios durch die seichte Handlung, die bis zum Ende zu faul für wichtige Erklärungen ist, und dem sehr simplen Gameplay, das rasch langweilig wird, verschenkt. Für jüngere Kinder, die Pokémon oder Detektivgeschichten mögen und bereits selbst Lesen können, ist Meisterdetektiv Pikachu sicherlich kein schlechter Einstieg in die Welt der Spiele, doch Ältere dürfte der Titel nicht lange fesseln.

Wertung: 6 Pixel

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