Journey (PS4) im Test

von David Kolb 30.07.2015

Der Indie-Hit Journey aus dem Jahr 2012 wird nun auch für die PS4 veröffentlicht. Der damals PS3-exklusive Titel, heimste zahllose Preise ein und wurde unter anderem sogar zum besten herunterladbaren Spiel der E3 2012 gekürt. Ob das Spiel auch drei Jahre später einem Metacritic Wert von unfassbaren 92 Punkten gerecht werden kann, erfahrt ihr in meinem Test.

Zwei Fähnchen im Wind

Zwei Fähnchen wehen im heißen Wind der Wüste, auf einer Sanddüne. Ein Geschöpf, welches in eine rote Robe gehüllt ist, läuft die sandige Steigung hinauf. Als es oben ankommt erblickt es eine unendliche groß erscheinende Wüstenlandschaft, in der der Sand durch die Sonneneinstrahlung in der Ferne glitzert. Eine Zwischensequenz offenbart einen Berg in enorm großer Entfernung, der ähnlich imposant wie der Schicksalsberg aus Der Herr der Ringe aufragt, aber bei weitem nicht so düster und abschreckend wirkt. In diesem Moment wird mir als Spieler folgendes klar: ich weiß nicht wo ich bin, ich weiß nicht was ich bin, aber ich möchte zu diesem Berg. Und so beginnt auch die namensgebende Reise von Journey.

Mit einfachen Mitteln zum Erfolg

Journey ist nonverbal! Es wird in den ca. 3-4 Stunden, die ein Spieldurchlauf dauert, kein einziges Wort gesprochen und das passt hervorragend zur anfänglichen Ratlosigkeit und vor allem auch zur Mystik, die diese Welt innehat. Auch das Gameplay ist reduziert und funktioniert trotzdem, oder gerade deshalb, wunderbar. So kann der Wanderer springen und für längere Zeit durch die Luft gleiten. Das Hüpfen funktioniert aber auch nur dann, wenn der Schal, des agilen Protagonisten, mit Energie aufgeladen ist, die er von im Wind flatternden Wesen bekommt. Dadurch entstehen sehr dynamische und flüssige Vertikal-Wege, die man mit dem roten Geschöpf zurücklegen kann. Obwohl ich ansonsten großer Fan von fordernden Jump&Run Titeln bin, macht es mir nichts aus, dass Journey nur wenig anspruchsvoll ist. Das Spiel konzentriert sich viel mehr auf eine gelungene Präsentation mit viel Abwechslung und dies gelingt hervorragend. Es gibt z.B. düstere Stealth-Passagen, das rasante und spaßige Rutschen von hohen Sanddünen oder das lange Gleiten über spitze, schneebedeckte Berggipfel. Keine der Aktivitäten ist besonders schwierig, spielt sich aber so exzellent und flüssig, dass der Spielspaß jederzeit hoch bleibt.

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Zyklopisch Groß

Abwechslung bieten aber auch die imposanten Levels, in denen der Reisende auf vermutlich uralte Relikte einer längst vergangenen Zivilisation trifft. Deren Mythologie wird zwar nie erläutert, aber mit Zwischensequenzen und versteckten Hinweisen angedeutet, wodurch unaufdringlich nach und nach Hintergründe der Welt erzählt werden. Die einzelnen Orte, die während der Reise besucht werden, wirken so hoch und gigantisch, dass ich endlich eine Vorstellung zu H. P. Lovecrafts „zyklopische und säulenumstandene Stätte“ bekomme. Selbstverständlich steht das „zyklopisch-große“ in diesem Fall nicht für den Lovecraftschen Horror-Kontext, sondern für enorm imposante und beeindruckende Areale, die der Reisende besuchen darf und mich immer wieder in Staunen versetzen.

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Sonne, Licht und Schatten

Außerdem trifft man auf sehr wundersame und märchenhafte Lebewesen, die diese Welten bewohnen. So ist die Freude besonders groß, wenn in tiefster Dunkelheit quallenartige Geschöpfe auftauchen, die vom Licht durchflutet werden, als Plattform genutzt werden können und sogar den Schal zum weiteren Springen aufladen. Überhaupt spielen Licht und Schatten eine große Rolle in Journey. Wie schon beschrieben glitzern z.B. die Sandkörner, die von den Sonnenstrahlen beleuchtet werden. In dunklen Gängen brechen vereinzelte Sonnenkegel durch die Finsternis und Nebel verdeckt nach und nach die leuchtende Sonne. Durch diese stimmigen Lichteffekte entstehen wunderschöne Panoramen und eine fantastische Atmosphäre, die Spielerinnen und Spieler in die Welt von Journey eintauchen lässt.

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Am Anfang war das „Wort“

Ein weiterer Faktor, der für die großartige Atmosphäre von Journey verantwortlich ist, ist der Soundtrack. Gleich zu Beginn erlernt das rote Geschöpf einen Ruf, der bei wiederholtem Drücken zufällig verschiedene Töne von sich gibt, die sich zu einer schön klingenden Melodie aneinander reihen. Dadurch können die verschiedenen Wesen in Journey angesprochen und mit ihnen interagiert werden. Noch viel wichtiger ist aber, dass sich in diesem nonverbalen Spiele dadurch eine Art Sprache entwickelt, die zur Geltung kommt, wenn man gemeinsam mit einem anderen Mitspieler durch die Levels läuft. Mit dem zweiten Reisenden kann nicht „normal“ kommuniziert werden – Text- oder Sprach-Chat gibt es nicht. Die einzige Möglichkeit sind die Rufe der beiden Wanderer, die die Bedeutung je nach Kontext spontan entwickeln. So ein faszinierendes Phänomen habe ich noch in keinem anderen Videospiel jemals erlebt!

Das PS4-Journey

Die Portierung auf die PS4 ist gut gelungen, inhaltliche Veränderungen gibt es überhaupt keine. Das macht aber auch nichts, denn damit hätten die Entwickler dem Spiel höchstens schaden können. Einzig die Steuerung ist nun ein wenig anders, denn optional kann die Kamera auch durch das Kippen des PS4-Gamepads gedreht werden, was zwar ein nettes Gimmick ist, dem zweiten Stick aber in keinster Weise das Wasser reichen kann. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich das PS4-Journey haargleich, wie das Last-Gen-Journey spielt.

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Meine Reise endet hier

Mal abgesehen vom letzten Absatz, liest sich der gesamte Test wie eine überzogene Hipster-Lobhudelei auf ein pseudo-künstlerisches Spiel und genau mit dieser Einstellung bin ich an Journey auch herangegangen. Das Indie-Spiel schafft es aber tatsächlich mich schon in den ersten paar Minuten zu berühren, zu ergreifen und mich eines Besseren zu belehren. Es hebt sich vom typischen Gameplay ab, reduziert, abstrahiert und schafft dadurch ein kleines Meisterwerk. Ich könnte jetzt noch ewig weiter schreiben, wie cool es ist z.B. auf einer Art riesigen Drachen durch die Welt zu fliegen, wie schön es ist durch die prachtvolle Welt von Journey zu streifen, wie ungewöhnlich und herausragend es ist, dass mich das Spiel an vielen Ecken und Enden zur Selbstreflexion bringt oder für wie gelungen ich das Ende halte – ihr solltet diese Dinge aber stattdessen selbst erleben und anfangen Journey zu spielen!

Wertung: 9 Pixel

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