Fallout 4 (PS4) im Test

von David Kolb-Zgaga 12.11.2015

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„War … War never changes!“ Die vier Spin-offs mal außen vor gelassen, setzt dieser Satz bereits zum fünften Mal (aber inklusive Fallout: New Vegas) den Startschuss für eine wohlige Gänsehautatmosphäre. Auf vielen Gaming-Messen war Fallout 4, ohne jemals Bildmaterial gezeigt zu haben, das meistgewünschte Spiel. Ob es Bethesda geschafft hat, den Hype zu nutzen und den nächsten, erfolgreichen Rollenspiel-Giganten nach Skyrim zu produzieren, erfahrt ihr in meinem Test.

Böses Erwachen

Nicht zuletzt dank des Endzeitsettings, der abgewrackten Atmosphäre des Ödlands und des skurrilen 50er-Jahre-Feelings ist die Marke Fallout vielen Fans ins Gedächtnis gebrannt. Doch 1950 ist lang her, Fallout 4 beginnt im Jahr 2077. Gerade der Anfang ist sehr ungewöhnlich, da man mit Frau, Kind und dem hauseigenen Hilfsroboter ein ruhiges Vorstadtleben genießt. Bald jedoch klopft die Endzeit an die Tür, und zwar in Person eines Vault-Tec-Mitarbeiters. Dieser überredet meinen Charakter inklusive seiner ganzen Familie, in den nahe gelegenen Atomschutzbunker zu übersiedeln. Gerade noch rechtzeitig, denn die dystopische Zukunftsvision nimmt hier (am 23. Oktober 2077) ihren Anfang, und die Welt wird von einem Teppich aus Atombombenexplosionen überdeckt. Mein gerade noch frisch erstellter Held wird in Kryoschlaf versetzt, wo er einige horrende Situationen hilflos miterleben muss.

Erste Schritte

Das große Storygerüst, das Fallout 4 zusammenhält, besteht aus Rache, künstlicher Intelligenz und der spannenden Frage, ob man dieser trauen kann, ja ob diese sogar so etwas wie echte Gefühle entwickelt. Ein spannender Ansatz, der aber leider nicht zur Gänze ausgeführt bzw. ausgenutzt wird und trotzdem als eine interessante Prämisse dient. Wie aber auch bei Skyrim ist die Hauptstory nicht der primäre Grund, Bethesda-Spiele zu spielen. Viel mehr sind es die kleinen Geschichten, auf die man zufällig stößt, oder die mit großer Wucht inszenierten Momente, die für Gänsehautatmosphäre sorgen. Ein sehr gutes Beispiel für so eine Situation ist der Augenblick, in dem sich die Bunkertür von Vault 111 öffnet. Zum ersten Mal ergibt sich so der Ausblick auf das zerfallene Ödland, das dank des wunderschön beleuchteten Abendrots eine beeindruckende Ästhetik an den Tag legt. Mit derartigen Inszenierungen – und davon gibt es in Fallout 4 einige – schaffen es die EntwicklerInnen, großartige „magic moments“ zu kreieren.

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Der Minecraft-Ansatz

Trotzdem kommt die Story anfangs nur schwer auf Touren – schuld daran ist das neue Bau-Feature. Während Bethesda mit dem Taktik-Rundensystem V.A.T.S., dem auch weiterhin gut durchdachten Charaktersystem S.P.E.C.I.A.L. und einer unglaublichen Masse an Nebenquests der Serie treu geblieben ist, ist die Möglichkeit, Siedlungen im Ödland zu errichten, eine herausragende Neuerung von Fallout 4. Nachdem man als Spielfigur geeignete Gebiete gesäubert hat, kann an vorgegebenen Punkten ein Camp errichtet werden.

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Nach und nach ziehen dann BewohnerInnen des Ödlands in diese Lager, die man mit Schlafplätzen, Wasser, Strom, Ackerflächen und selbst gestalteten Gebäuden unterstützen kann. Schon bald werden aber auch Mauern benötigt, um sich vor Plünderern zu schützen. So wachsen die Camps schnell an und werden zu bewohnbaren Festungen. Dadurch entstehen neue Handelsrouten und damit heranziehende HändlerInnen, die einzigartige Gegenstände verkaufen. Zudem ist das Bauen auch storyrelevant, denn die rekrutierten Mitglieder sind immer wieder mal für eine spannende Sidequest gut.

Wozu das alles?

Das Häuser- bzw. sogar Dörferbauen macht Spaß und es motiviert noch mal mehr dazu, alles zu looten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dadurch geht mir aber manchmal der Spielfluss ein wenig flöten, da man unglaublich viel Zeit darin investieren kann. Leider ist das Bauteilesetzen mit dem Gamepad manchmal etwas fummelig, und das Spiel selbst erklärt die Mechaniken nur dürftig. So fühlt man sich zu Beginn ein wenig überfordert, da Fallout 4 anfangs nicht erklärt, welchen Nutzen das Ganze hat. Trotzdem ist das Bauen ein spannender und glücklicherweise auch rein optionaler Ansatz, der die Spielwelt von Fallout 4 sinnvoll erweitert. Für mich ist das neue Feature auch ein bisschen Geschmackssache: Als Completionist wird man sehr viel Freude daran haben, eigene, kleine Dörfchen zu errichten; alle SpielerInnen, die lieber storyzentriert spielen, können das Bauen einmal ausprobieren und auf Wunsch hin später getrost ignorieren.

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Ein-Mann-Panzer

Auch abseits von eigens errichteten Camps gibt es genug zu craften. Modifizierungen wie Visiere, zielgenauere Läufe, Schalldämpfer und Legierungen machen jede Waffe individueller und auch stärker. Selbstverständlich braucht es dafür aber das nötige Handwerksmaterial, und so mutiere ich zum kleptomanischen Plünderer, was ausgezeichnet zum Endzeitszenario passt. Ein besonderes Highlight der Techniktüfteleien ist die Powerrüstung. Was in früheren Teilen noch eine sehr dicke Rüstung war, wurde nun zum einsteigbaren Kampfanzug für jedermann umfunktioniert (kein spezieller Perk mehr benötigt). Das Kampfgefühl ist ähnlich wie bei einem Panzer, mein Charakter hält mehr aus, kann schwere Gegenstände tragen (z. B. eine Minigun) und ist besser vor der gefährlichen Strahlung geschützt. So holzt man mit dem Ungetüm fröhlich durchs Ödland, sodass kein Stein auf dem anderen liegen bleibt. Allerdings muss die Powerrüstung bei einer stationären Stromversorgung wieder aufgeladen werden, was bedeutet, dass zu lange Ausflüge damit nicht möglich sind (seltene Fusionskerne zum Wiederaufladen ausgenommen).

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Neben dem Aufladen und bitter nötigen Reparaturarbeiten ist auch das Upgraden der Powerrüstung möglich. Gerade das Unsichtbarkeitsmodul für die monumentale Rüstung macht extrem viel Spaß! Als wäre das noch nicht genug, warten weitere Powerrüstungen im Ödland nur darauf, von euch entdeckt zu werden. Schade ist nur, dass die EntwicklerInnen der Powerrüstung ein wenig ihren Mythos nehmen. Was in früheren Teilen einmal als rar gesäter, schwer zu erlangender Körperanzug galt, wird nun schon während der zweiten Mission „verschenkt“.

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Wen nehm ich denn jetzt?

Nachdem ihr nun ein ungefähres Bild von den Gameplay-Mechaniken des Rollenspielepos Fallout 4 habt, möchte ich genauer auf die große Spielwelt und ihre BewohnerInnen eingehen. So gibt es vier Fraktionen, die allesamt interessante Überzeugungen haben. Da darf die Stählerne Bruderschaft nicht fehlen, die wie im Wahn technologischen Fortschritt anstrebt. Als Gegenpol dazu wirkt Railroad, eine Untergrundorganisation, die die Androiden unterstützt. Die beiden anderen Fraktionen möchte ich an dieser Stelle aus Spielspaßgründen nicht spoilern. Die Entscheidung, welcher Vereinigung ich beitrete, ist spannend und knifflig, da jede der vier Gruppierungen interessante Standpunkte vertritt. Außerdem muss man sich im Klaren darüber sein, dass man mit der Fraktion automatisch eines der vier Enden wählt. Schade nur, dass dabei auf andere Entscheidungen meines Charakters nicht eingegangen wird. Bei Fallout 4 gilt einmal mehr: Der Weg ist das Ziel, denn immer wieder hinterfrage ich die Motivation der verschiedenen ÖdlandbewohnerInnen und damit auch mich selbst.

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Fazit

Das Fazit führt mich zum obligatorischen Vergleich mit CD Projekts The Witcher 3. Die Hexer-Saga erzählt die schöneren Geschichten und schließt die Story besser ab, vor allem, wenn man bedenkt, wie Geralts Handlungen dabei mit einfließen. Fallout 4 setzt dagegen auf andere Kriterien und bietet eine belebte, dynamische Spielwelt an, die auch die eine oder andere zufallsbasierte Überraschung aus dem Hut zaubert. Außerdem muss ich ein letztes Mal erwähnen, wie großartig die Atmosphäre des Spiels ist. Die Mischung aus der bedrückenden Stimmung, die sich aus dem glaubhaften und düsteren Endzeitsetting ergibt, mit dem zynischen, schwarzen Fallout-Humor ist grandios. Kritik ist zwar angebracht, aber nur auf hohem Niveau: Das Schlimmste im ganzen Spiel ist wohl das grauenhafte Menü, das schlecht zu bedienen ist und wenig Übersicht bietet. Zudem bereitet die schwach abgeschlossene Story gegen Ende hin ein wenig Kopfzerbrechen. Das sind aber alles Punkte, die man einem Skyrim locker verziehen hat – wieso also nicht auch Fallout 4? Die atmosphärische Welt bietet für etliche Stunden Material, um den Entdeckungsdrang auszuleben, und lässt genügend Spielraum, um im Ödland die eigenen Abenteuergeschichten zu schreiben.

Wertung: 9 Pixel

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