Der Tank ist halb voll – Need for Speed Payback im Test

von Michael Neidhart 16.11.2017

Need for Speed Payback erzeugt jede Menge Rauch. Der kommt aber nicht von einer überforderten Konsole, sondern von den durchdrehenden Reifen, hübsch detaillierter Fahrzeuge. Obwohl die neueste Ausgabe des Arcade-Racers insgesamt nicht ganz überzeugen kann, kommt die Kernkompetenz von NFS nicht zu kurz. Es zeigt uns wunderschöne Autos im spannenden Streetracing-Milieu.

Drei Musketiere rechnen ab

Erste Reaktionen im Netz sprechen durch die Bank von einer schlechten, wenn nicht gar faden Kampagne, die in Need For Speed Payback auch noch mies erzählt wird. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen. Ich finde die Story für ein Spiel, in dem es nicht primär um die Story geht, ziemlich passend. Ein kleiner Tipp, wie ihr zu einem ähnlichen Gefühl kommt. Alles, was ihr bisher durch Fast&Furios über Streetracing gelernt habt, vergessen. Auch nicht an Geschichten, rund um den Verrat eines Freundes denken. Zu guter Letzt: Es hat noch nie ein Spiel namens Need for Speed gegeben. Wenn ihr es schafft, diese drei kleinen Dinge zu beachten, dann erlebt ihr eine spannende Story rund um Streetracing und Verrat. Als Zuckerglasur spielt sie in der grandiosen Welt von Need for Speed Payback.

Am Beginn steht also die kleine Crew rund um Tyler, Mac und Jessica. Bei einem kleinen Ding werden die drei von ihrer Partnerin Lina Navarro elegant aufs Kreuz gelegt. Diese ist auch gleich zum House, dem wichtigsten Mafia-Clan der Glücksspiel-Metropole Silver Rock, übergelaufen. Danach dreht sich alles darum, genug Rennen zu gewinnen, um am ultimativen Racer-Bewerb, dem Outlaw Rush, teilnehmen zu können. Für die einzige Abwechslung sorgt der interessante Kniff, dass ihr sowohl mit Tyler, als auch mit Mac und Jess unterwegs seid. Alle drei haben ihre Spezialdisziplin und müssen unterschiedliche Challenges bestehen. Auch wenn die Story recht schnell erzählt ist, um die 20 Stunden könnt ihr dafür schon einplanen.

Mehr als ein Arcade-Racing-Game?

Need for Speed Payback will aber kein reines Arcade-Racing-Game sein. Abseits der Story gibt es in Silver Rock Einiges zu finden. Das wichtigste sind sicher die Wrackteile, die überall verstreut liegen. Damit die Suche nach ihnen schneller geht, gibt es im Lauf der Kampagne immer wieder Hinweise, wo ihr sie findet. Euer Haus- und Hofmechaniker Rav bastelt daraus dann edle Schlitten, die wesentlich mehr Wums als die “Normalen” unter der Haube haben.

Der Wums bleibt nur leider nicht immer unter der Haube verborgen, sondern dringt in Form von miesen Kommentaren durch die FahrerInnen immer wieder an unser Ohr. Müssen wirklich alle Klischees dieser Szene ausgedrückt werden wie eine reife Orange. Zumindest in der deutschen Fassung wirken die Dialoge oft so platt, als wäre Tyler zuvor einmal drüber gefahren. Besonders schmerzhaft zu Tage tritt das in den kurzen verbalen Gefechten vor den Rennen. Was da durchs Fahrerfenster gegrölt wird, hat für mich nur eine Konsequenz: Fremdschämen. Das scheint den EntwicklerInnen dann doch aufgefallen zu sein, ihr könnt diese Szenen überspringen.

Optisch heile Welt

Eines der wichtigsten Features der NFS-Reihe war immer schon der große Fuhrpark. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen es zu jedem der Fahrzeuge ein kurzes Video mit Kommentar gab. Vor allem der Jaguar XJ220 ist mir in bester Erinnerung, da er im Video langsam übers Kopfsteinpflaster eines italienischen Weinguts gleitete. Da die Grafik 1998, als Need for Speed 2 in Europa auf den Markt kam, noch lange nicht auf heutigem Niveau war, griffen die EntwicklerInnen zu diesem Kniff und stellten die Supercars mit realen Videos vor. Irgendwann, Fast&Furios sei Dank, kam der Wechsel zur Streetracing-Szene und diese tolle Tradition ging leider verloren.

Bis es mit diesem Thema in Filmen und Videospielen wieder bergab geht, wird die Kuh erstmal gemolken, bis nichts mehr raus kommt. Also dominieren auch bei Need for Speed Payback getunte Autos die visuelle Szenerie. Wie in den Vorgängern darf nach Lust und Laune an der optischen Tuningschraube gedreht werden. Aufkleber, Lackierung, die Karosserie, Felgen, Reifen, alles was zu eurem Auto gehört, kann nach eurem Geschmack angepasst werden. In idesem Punkt spielt Need for Speed Payback all seine Trümpfe voll aus. Die Autos sehen allesamt grandios aus, kleinste Details runden den insgesamt guten Eindruck ab.

Need for Speed Payback

Der Ton macht die Musik

Der tolle Eindruck, den ich von der Grafik in Need for Speed Payback mitgenommen habe, setzt sich auch auf der akustischen Ebene fort. Gerade was die Musik angeht, ist es extrem schwierig, verschiedene Geschmäcker zu befriedigen. Meinen haben die EntwicklerInnen von EA Ghost mit ihrem Mix aus Electro, Hip-Hop und Rocknummern gut getroffen. Hin und wieder erwische ich mich bei einer langsamen Fahrt durch Silver Rock, einfach, weil ich den nächsten Titel auch noch hören möchte. Aber nicht nur aus den Lautsprechern der Fahrzeuge dröhnt es gewaltig. Die Soundkulisse ist insgesamt sehr gut. Aus den Auspuffen röhrt es markant und die Reifen quietschen fidel über den Asphalt.

Bild und Ton kumulieren elegant in den Momenten, wenn das Spiel uns die Kontrolle über unser Fahrzeug aus der Hand nimmt. Zerstört ihr zum Beispiel bei einer Verfolgungsjagd ein Polizeiauto, gibt es eine kleine Kamerafahrt zur sich überschlagenden Karosse. Diese Sequenzen sind ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite werden die Kampagne und die Rennen insgesamt toll in Szene gesetzt. Auf der anderen Seite nehmen sie mir die Herausforderung, tatsächlich neben einem LKW mit konstanter Geschwindigkeit fahren zu müssen. Bei dieser Mission genügt es, einfach zum LKW hin zu fahren. Egal wie schnell oder chaotisch.

Wieso gibt es Speed-Karten?

Natürlich gibt es in Need for Speed Payback jede Menge Material zum Tunen eurer schicken Flitzer. Nur warum in aller Welt lösen EA Ghost das auf eine so langweilige Art und Weise? Neue Teile, die das Ranking eurer Autos verbessern, kommen in Form von Speed-Karten daher. Nachdem ihr ein Rennen gewonnen habt, dürft ihr aus einer von drei zufälligen Karten wählen. Diese „verbaut“ dann zum Beispiel bessere Auspuffanlagen oder mehr Nitro in eurem Auto. Um die ganze Sache zu beschleunigen, einfach zwischendurch zum Tuning-Händler fahren und, genug Kohle vorausgesetzt, Speed-Karten selbst kaufen.

Die restlichen Teile wie Frontschürzen, Sidebumps und dergleichen, müssen, ganz wie im Vorgänger, mühsam freigeschaltet werden. Noch schnell den passende Lack auswählen, ein paar Vinyls aussuchen und fertig ist das Auto. Kombiniert mit dem ausufernden Fuhrpark, vom Muscle-Car bis zum Reis-Flitzer ist alles dabei, lassen sich wieder sehr individuelle Autos basteln.

Need for Speed Payback – Mein Fazit

Schwierig. Wie sooft bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Wer noch nie ein Need for Speed in der Hand hatte, findet hier ein richtig gutes Arcade-Racing-Game. Wunderschöne und sehr detaillierte Autos, eine passende, leichte Story und abwechslungsreiche Rennen bieten Spielspaß für viele Stunden. Als neueste Ausgabe einer traditionsreichen Serie finde ich Need for Speed Payback aber zu wenig ausgegoren. Die Idee mit den inszenierten Sequenzen ist gut, aber schlecht umgesetzt. Die Speed-Karten erleichtern das Tunen, nehmen ihm damit aber auch den besonderen Reiz. Die Story passt zum Setting, eine tatsächlich spannende Wendung hätte ich mir aber doch gewünscht. Ich weiß nicht, woran es liegt aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die großen Studios Spiele immer noch zu früh raushauen. Nehmt euch doch bitte mehr Zeit gute Ideen auch zu testen. Nehmt die Testergebnisse und arbeitet sie ein. Die Fans werden es danken.

Wertung: 7 Pixel

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