Verstrahlte Baustelle: Die Chernobylite (PC) Preview

von Max Hohenwarter 06.11.2019

In Chernobylite, einem Survival-Horror-Game vom polnischen Entwicklerstudio The Farm 51, bereist ihr die verstrahlte Sperrzone rund um das vor 33 Jahren explodierte Kernkraftwerk Chernobyl. Wie gut sich der Titel in seiner momentanen Early-Access Fassung spielt, erfahrt ihr in meinem Preview.

Ostblock Gordon Freeman

Ihr spielt den in die Jahre gekommenen Nuklearphysiker Igor. Er selbst war damals Teil des Ingenieurs-Teams, das den folgenschweren Reaktor-Belastungstest durchführte, infolgedessen Reaktorblock 4 des AKWs explodierte. Seit dieser Nacht blieb auch Igors Geliebte Tatyana spurlos verschwunden. Allerdings nur teilweise, denn nicht nur wird Igor ständig von sehr real erscheinenden Visionen vom Abend des Unfalls sondern auch von Tatyanas Stimme geplagt, die beizeiten in seinem Kopf zu ihm spricht, ihn warnt und auffordert, sie zu finden.

Quelle: https://www.chernobylgame.com/

In den ersten paar Minuten von Chernobylite seid ihr mit zwei angeheuerten Söldnern auf dem Weg zum berüchtigten Kernkraftwerk. Ziel ist es, in den Reaktorraum einzudringen und dort eine Probe des namensgebenden Chernobylits, einem Mineral das damals im Zuge der Reaktorkatastrophe entstand, zu entwenden. Igor plant damit, eine interdimensionale Portalkanone zu betreiben, die ihm dabei helfen soll, seine geliebte Tatyana zu finden.

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Mit unseren zwei Begleitern im Schlepptau schleichen wir uns an schwer bewaffneten Militär-Patroullien vorbei, waten durch die Kanalisation in den Keller des Kernkraftwerks, wo wir leise zwei Wachen ausschalten. Von dort geht es weiter in den Kontrollraum, um uns Zutritt zum Reaktor zu verschaffen. Am Ziel angekommen schimmert uns der Grund unseres Einbruchs auch schon giftgrün glitzernd an. Igor bewegt sich wie in Trance auf das quadrig wachsende Mineral zu und ergreift einen Splitter.

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Plötzlich öffnet sich ein Portal und eine Gestalt in Gasmaske, die an einen Totenschädel erinnert, betritt den Reaktorraum. Erst erschießt er einen unserer Begleiter, verletzt den zweiten bevor er sich uns zuwendet. Im letzten Moment laden wir das erbeutete Chernobylit in unsere Portalkanone und öffnen einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, durch welchen wir mit unserem verletzten Kameraden ins Nirgendwo entfliehen.

Chernobylite – Das Gameplay

Das Nirgendwo sieht aus als hätte MC Escher auf Crystal Liebe mit der Matrix gemacht. Es ist eine Brückenwelt, durch welche wir auch im späteren Spielverlauf die jeweiligen Missionsgebiete betreten. Als wir aus der Zwischenwelt durch das nächste Portal hüpfen, landen wir in einem Waldstück unweit unseres Unterschlupfes wo wir merkwürdige physikalische Anomalien bezeugen.

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Doch bevor wir dort unseren Mitstreiter treffen, gilt es erst einmal Kräuter und Pilze zu sammeln. Mit unserem Dosimeter können wir nicht nur die Strahlungswerte der Umgebung prüfen, sondern es auch auf diverse Rohstoffe einstellen. Scannen wir dann die Umgebung, werden uns die gesuchten Komponenten prominent hervorgehoben.

Mit den gefundenen Zutaten können wir uns an Feuerstellen Medizin oder Nahrung zubereiten, mit der wir nicht nur unseren Hunger stillen, sondern auch unsere psychische Gesundheit aufrecht erhalten. Wie sich dieser Faktor im fertigen Spiel auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Ich vermute, dass es die Visionen beeinflussen wird, die Igor immer einmal wieder plagen.

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Gestärkt treffen wir am Unterschlupf ein, wo uns bereits unser angeschossener Kompagnon erwartet. Auch hier wird das Muntere Crafting weiterbetrieben. So können wir ähnlich wie in Fallout 4 Werkbänke für Waffen und Munition, sowie Lagermobiliar craften und unseren Unterschlupf auch mit einem Radio oder später sogar Fernseher ausstatten. Auf diese Weise erhöhen wir das Wohlfühllevel unserer Verbündeten.

Wichtig wird das im späteren Spielverlauf, wenn wir unsere KollegInnen eigenständig auf Missionen aussenden in denen sie Ressourcen sammeln oder Informationen beschaffen. Sind die dann nicht bei bester Laune oder Gesundheit, können wichtige Aufträge fehlschlagen oder eure MitstreiterInnen gar dauerhaft das zeitliche segnen, was sich wiederum auf die weitere Story auswirken soll. Apropos Auswirkungen: Laut der Entwickler treffen wir in Chernobylite auch Entscheidungen, die den Story-Fortgang frapant beeinflussen, manchmal gar ohne zu realisieren, dass wir gerade eine derartige spielentscheidende Aktion ausgeführt haben

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Natürlich bietet Chernobylite auch Action. Jedoch wird das Spiel niemals eine Schießbude sein, der Fokus soll auf bedachtem Vorgehen liegen, denn Munition soll eher knapp ausfallen und anders als in anderen Shootern könnt ihr Waffen auch nicht aus der Hüfte abfeuern. Bisher ist das Gunplay zudem noch eher schwach und man hat momentan auch nur die Auswahl zwischen einem Revolver und einer Schrotflinte. Wollt ihr die Sturmgewehre ausgeschalteter Soldaten aufsammeln vermiest euch Chernobylite diese Beute momentan noch mit dem Hinweis, dass Militärwaffen über eine Bioverschlüsselung gesichert sind, die ihr vermutlich später zu umgehen lernt.

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Chernobylite verfügt im Übrigen im Vergleich zum geistigen Vorgänger S.T.A.L.K.E.R. nicht über eine Open World. Von eurer Basis aus, könnt ihr mit einem Fernglas über die Spielwelt spähen. Die unterteilt sich in einzelne Missionsgebiete, wie beispielsweise die Radaranlage Duga 1 oder später natürlich auch die Geisterstadt Prypjat. Diese einzelnen Gebiete sind zwar relativ weitläufig, allerdings wird man auch hier oft durch die Strahlung am Verlassen des intendierten Wegs behindert.

Chernobylite – der Status Quo

Momentan bietet der im Rahmen der Early Access Version zugängliche Content eine Spieldauer von ca. 10 Stunden. Bis zum fertigen Release Ende 2020, Anfang 2021 ist aber noch einiges an zusätzlichem Inhalt geplant.

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Doch nicht nur die bisher recht begrenzt verfügbaren Inhalte trüben derzeit das Spielgefühl. Viele Elemente sind noch weit von der Fertigstellung entfernt, beziehungsweise fühlen sie sich so an. Das eher magere Gunplay habe ich ja bereits erwähnt. Ein großes Sorgenkind sind aber vor allem noch die künstliche Intelligenz, die euch manchmal gar nicht erspäht und manchmal einen Röntgenblick aufweist. Auch die Menüs sind derzeit noch ein absoluter Albtraum in Sachen Navigation und Übersicht.

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Auf technischer Seite ist Chernobylite definitiv ein extrem hübsches Game. Die EntwicklerInnen von The Farm 51 waren ja zu Recherchezwecken mehrere Male in der Zone rund um den havarierten Reaktor und fertigten dort Film- und Bildmaterial an, auf Basis dessen sie wunderschön detaillierte Welt erstellten. Doch Schönheit allein ist auch nicht alles. Die Engine bockt durchaus noch des Öfteren herum und führt sehr oft zu Frame-Rate-Drops oder gar Abstürzen, was besonders dann nervt, wenn der letzte Auto-Save schon eine Weile her ist. Freies Speichern ist nämlich in Chernobylite (noch) nicht möglich. Diverse NPCs glitchen auch gerne, es fehlen Animationen und auch die Kollisionsabfrage hat manchmal Aussetzer.

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Chernobylite ist definitiv ein vielversprechendes und seitens der EntwicklerInnen ambitioniertes Projekt, das vornehmlich durch seine dichte Atmosphäre glänzen kann. Es soll, so die EntwicklerInnen, das verrückteste Postapokalypse Game werden, das es gibt. Immer mal wieder jagt euch das Game Schauer über den Rücken, wenn euch wohldosiert ein Jump-Scare kalt erwischt oder Igor von seinen geisterhaften Flashbacks überfallen wird. Die mysteriöse Geschichte, die ihre Faszination aus der gekonnten Vermischung von Sci-Fi-, Horror- und Mystery-Elementen mit realen Begebenheiten zieht hat jedenfalls großes Potential. Besonders das Chernobyl-Setting, das auch dank der HBO-Serie erneute Popularität erlangte, übt auf mich eine magische Anziehung aus, bin ich doch selbst ein Kind dieser Zeit.

Wenn die EntwicklerInnen es noch schaffen die großen Baustellen im Bereich Performance, Menüführung und Gameplay abzuschließen, steht mit Chernobylite einem wirklich guten, postapokalyptischen Survival-Horror-Game nichts im Wege, das die ehrwürdige S.T.A.L.K.E.R.-Reihe geistig und vor allem atmosphärisch beerbt. Ich wünsche es mir!

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