Flora Miranda: Mode zwischen 3D-Druck und Laserschnitt

von Mandi 16.10.2026

Als Flora Miranda 2016 ihre erste eigene Kollektion präsentierte, gab sie ihr einen programmatischen Namen: „Press Reset“. Zehn Jahre später liest sich dieser Titel wie das Leitmotiv eines ganzen Werks — ein Oeuvre, das die Mode immer wieder auf null gesetzt und aus dem Rohstoff unserer Zeit neu zusammengefügt hat. Wo andere Stoffe verarbeiten, verwendet die 1990 in Salzburg geborene und heute zwischen Wien und Antwerpen tätige Designerin und bildende Künstlerin Daten. Aus ihnen entstehen Kleider, die weniger getragen als bewohnt werden wollen: Objekte einer Welt, die Miranda selbst als „extraterrestrisch, extravagant und exklusiv“ beschreibt.

Der Weg von Flora Miranda

Der Weg dorthin begann klassisch und mündete radikal. Nach dem Master an der Königlichen Akademie der Schönen Künste Antwerpen (2014) – im legendären Umfeld von Walter van Beirendonck und Dirk van Saene – hätte Flora Miranda den geraden Weg der Haute Couture einschlagen können. Stattdessen stellte sie eine Grundsatzfrage: Was ist Mode, wenn Identität zunehmend im Digitalen entsteht? Ihre Antwort war keine Kollektion, sondern eine Methode. Miranda entwickelt eigene Software und verbindet 3D-Scan, 3D-Druck, Laserschnitt, maschinelles Lernen und generatives Design zu einem Vokabular, das die Rolle der Modedesignerin neu definiert.

„Wer innovativ sein will, ist oft zu früh dran. Techniken werden nicht sofort angewendet, weil es noch keinen Markt dafür gibt. Aber ich beklage mich nicht: Ein künstlerisches Crossover aus Mode, Design und Technologie hat den Vorteil, etwas Einzigartiges zu schaffen — und in mehrere Richtungen gehen zu können.“ Flora Miranda

Diese Haltung hat in zehn Jahren eine bemerkenswerte Dichte an Meilensteinen hervorgebracht. 2017 formulierte Miranda mit „IT Pieces“ den ersten Prototyp einer datengetriebenen Mode — ein Format, mit dem sie bis heute Unternehmen dabei unterstützt, ihre Daten über generatives Design sichtbar und tragbar zu machen. Ein Jahr später übersetzte sie diese Sprache in ein Sammlerstück: die limitierte Kunstuhr „Deep Web“ für Rado. 2020 zeigte sie mit „Cyber Crack“, in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Esther Stocker, die letzte Couture-Show vor der Pandemie — ein Schlussbild, das rückblickend eine ganze Epoche markiert.

Durchschlagender Erfolg

Dass ihr Werk längst zwischen Laufsteg und Museum zirkuliert, belegen die Institutionen, die es zeigen und sammeln: vom Haus der Elektronischen Künste in Basel über das Haus der Kulturen der Welt in Berlin und Z33 in Hasselt bis zum MAK in Wien. 2022 erschien mit „I Am Digital“ ihr Künstlerbuch; 2023 folgte die Einzelausstellung im MAK-Geymüllerschlössel. Die Auszeichnungen dieser Dekade lesen sich als eine Chronik der Anerkennung — vom Good Design Award (Chicago, 2019) über den österreichischen Mercur Innovationspreis (2023) bis zum belgischen Henry Van De Velde Award (2024), einer der renommiertesten Designehrungen Europas.

Zehn Jahre nach „Press Reset“ ist aus dem einstigen Wagnis eine unverwechselbare Position geworden. 2025 gestaltete Miranda mit „Lost Limits“ die künstlerischen Kostüme für Anne Glassner und Marit Wolters im Mies-van-der-Rohe-Pavillon in Barcelona. Und mit dem Jahr 2026 erreicht ihr Weg eine neue Bühne: die Zusammenarbeit rund um das Neujahrskonzert mit dem ORF und den Wiener Philharmonikern — ein Zusammentreffen von Spitzentechnologie und der wohl traditionsreichsten Bühne des Landes, das programmatischer kaum sein könnte.

„Mit unserem interdisziplinären Ansatz halten wir die Mode in Bewegung. Was immer wir tun, es geschieht um der Mode willen. Sieht unsere Arbeit wie Kunst aus, ist sie dennoch Mode – Mode als Form veredelter Kunst.“ Flora Miranda

Das eigentliche Jubiläum ist damit weniger ein Rückblick als ein Zwischenstand. Flora Miranda hat in zehn Jahren nicht nur Kleider entworfen, sondern eine Grammatik dafür, wie das Digitale Gestalt annehmen kann — präzise, poetisch und immer am äußersten Rand des technisch Machbaren. „Press Reset“ war nie ein Ende. Es war die erste von vielen bewussten Neuanfängen.

© Laetitia Bica

Meilensteine 2016 – 2026

  • 2016           „Press Reset“ — die erste eigene Kollektion; Outstanding Artist Award.
  • 2017           „IT Pieces“ — der erste Prototyp datengetriebener Mode; Rado Starprize.
  • 2018           „Deep Web“ — limitierte Kunstuhr für Rado; Justus-Brinckmann-Preis.
  • 2019           Couture-Präsentation „Deep Web“ in Paris; Good Design Award, Chicago.
  • 2020          „Cyber Crack“ zur Paris Couture Week — die letzte Couture-Show vor Corona, mit Esther Stocker.
  • 2021           Vogue Talents — bekanntestes Foto und Kleid („Venus“).
  • 2022          Erscheinen des Künstlerbuchs „I Am Digital“.
  • 2023          Einzelausstellung im MAK-Geymüllerschlössel, Wien; Mercur Innovationspreis.
  • 2024          Gewinnerin des Henry Van De Velde Award, Belgien.
  • 2025          „Lost Limits“ im Mies-van-der-Rohe-Pavillon, Barcelona (für Anne Glassner und Marit Wolters).
  • 2026          Zusammenarbeit rund um das Neujahrskonzert — mit ORF und Wiener Philharmonikern.

Über die Designerin: Flora Miranda (*1990, Salzburg) ist Modedesignerin und bildende Künstlerin und lebt und arbeitet in Wien und Antwerpen. Ihr Werk kreist um den menschlichen Körper, seine Sinne und seine Wahrnehmung in physischen wie virtuellen Realitäten. Durch selbst entwickelte Software und generatives Design verschiebt sie die Grenzen zwischen Mode, Kunst und Technologie. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt und von Museen gesammelt.

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