Death Stranding 2: On the Beach im Test – Gestrandet oder Strandurlaub?
„Was hab ich da grade gesehen?“ Das ist oft der Gedanke, nachdem man einen Trailer für Hideo Kojima Spiele gesehen hat. So ging es uns auch sowohl bei Death Stranding 2016 als auch 2024 bei den Trailern für Death Stranding 2: On the Beach. Mit der gelegten Basis aus Teil 1, kann Kojima Productions im Sequel nun alle Register ziehen. In der von Guerilla Games ausgeliehenen Decima Engine entwickelt, ist Death Stranding 2 auf jeden Fall ein Hingucker. Aber hält es auch das wichtigere Versprechen einer kompakteren, abwechslungsreicheren Spielerfahrung? Wir sind in den Teer eingetaucht und berichten euch davon!
Death Stranding 2: On the Beach ist für exklusiv für PlayStation 5 verfügbar.
Eine kurze Tour durch Hideo Kojima’s Schaffen
Der viel gerühmte Game Director aus Setagaya (nahe Tokio) hat mit seiner Metal Gear Reihe eine der bekanntesten Game-Reihen aller Zeiten geschaffen. Seine Werke überzeugen vor allem mit spielmechanischen Kniffen, die über den Tellerrand von herkömmlichem Gameplay hinausblicken. Auch ein gewisser Hang zu komplexen, oft ziemlich abgehobenen Stories, sehr langen Cutscenes und die Arbeit mit berühmten Persönlichkeiten, sind Eckpfeiler in Kojima-san’s Spielen. Nach seinem Bruch mit Publisher Konami gründete er im Jahr 2015 sein eigenes Studio namens Kojima Productions. Mit den Rechten an der Metal Gear Solid Reihe verloren, aber gewonnener kreativer Freiheit, ging das Studio in die Entwicklung der ersten puren Kojima-Vision. Mit fliegenden Walen, Babys in Speiseröhren und einem nackten Norman Reedus (The Boondock Saints, The Walking Dead, etc.) erschien Death Stranding im Jahr 2019 unter tosendem Applaus von Fans und Kritikern gleichermaßen.
Oft scherzhaft als „Paketdienst-Simulator“ bezeichnet, hat das grafisch eindrucksvolle und in jedem Fall einzigartige Spiel uns in eine eigenartige Welt entführt. Darin geht es um das Ende der menschlichen Zivilisation und deren Wiederauferstehung durch Zusammenhalt, wie auch um Sterblichkeit, Körperlichkeit, den Geburtszyklus und ein Jenseits namens „the Beach“. Vieles wie die langen Zwischensequenzen oder eigenartig anmutende (aber in der Welt schlüssige) Plotpunkte war von einem Kojima Spiel zu erwarten. Neu war eine Mechanik, die Spieler*innen mit vereinten Kräften ein Netzwerk samt Verkehrsinfrastruktur über die Map des Spiels aufbauen ließ.
Selbst waren wir mit Teil 1 eher lauwarm. Trotz aller technischer Brillanz und visionärer Idee – das Gameplay war äußerst repetitiv, die Cutscenes und Story langatmig und gezwungen „weird“ und das Spiel insgesamt auch zu lang.
Nichtsdestotrotz konnten wir uns der Neugier auf die neuen Irrwege, auf die uns Kojima-san führen wird, nicht erwehren und tauchten tief in den zweiten Teil der Story von Sam Bridges (Norman Reedus), Fragile (Léa Seydoux, zuvor in Dune: Part Two, The Beast, No Time to Die, etc.) und Co ein.
Hiking in a land down under
Recht gehört! Death Stranding 2: On the Beach führt uns bereits nach einem kurzen Prolog nach Australien. Auch dort ist die Zivilisation auf ähnliche Weise zerbrochen, wie die USA in Teil 1, jedoch mit merklich stärkeren Umwelt- und Naturkatastrophen als Folge, die große Teile des Landes unpassier- oder unbrauchbar machen. Neben Überschwemmungen, Waldbränden und Blizzards, plagen große Timefall-Zonen die Australier*innen.
(Für die unter euch, ohne tiefes Death Stranding Wissen: Timefall ist Regen, der alles, was er berührt rapide altern lässt und außerdem eng in Verbindung mit BT-Vorkommen steht.)
(Oh, was BTs sind? BTs oder auch Beached Things sind im Grunde als schwarze Schemen schwebende Geister, die bei Berührung mit lebender Materie einen Void-Out verursachen.)
(Ach, ein Void-Out? Stellt euch eine riesige Explosion vor. Wenn wir hier von einem Begriff in den nächsten springen, werden wir nie fertig. Die Begründung für all diese Dinge ist mehr oder weniger: Kojima)
Wir schlüpfen erneut in die Wanderstiefel von Sam Bridges – tagsüber Porter (also Dienstbote) von Beruf – und machen uns daran nebenberuflich auch noch das Chiral-Network (wie gesagt… die Erklärung ist Kojima. Stellt euch ein halb magisches, halb technisches, unsichtbares Glasfaserinternet vor) im Auftrag von Fragile von Außenposten zu Außenposten neu zu verbinden.
Hier ein kurzes „Previously on Death Stranding“ für euch:
Von Babys, E-Gitarren-Railguns und BT-Mechs
Die weitere Story ist hoch-komplex (manche würden sagen verworren) und soll hier nicht gespoiled werden. Hier aber ein paar Eckpunkte: Während wir als Sam unseren Marsch durch Australien bestreiten, nutzt Fragile ihre Verbindungen zur amerikanischen Regierung (United Cities of America, kurz UCLA), um die Hintergründe von Sam’s Bridge-Baby (Erklärung: Kojima; ein Baby in einem Kanister, das die Gegenwart von BTs frühzeitig spürt und so das Schleichen durch BT-Zonen ermöglicht) namens Lou mit der Designierung BB-08 herauszufinden.
Erschwert wird die Reise und die Detektivarbeit dabei nicht nur durch die erwähnten BTs und Naturkatastrophen, sondern auch durch ein bekanntes Gesicht aus Teil 1. Troy Baker (Synchronstimme in The Last of Us, Bioshock Infinite, Uncharted 4: A Thiefs End, Indiana Jones and the Great Circle und vielen mehr) verkörpert erneut den Antagonisten Higgs, der eigenartiger, aber auch bedrohlicher als je zuvor auf Rache für seine Niederlage in Teil 1 aus ist. Dabei wird sehr schnell klar, dass es sich bei BTs und dem Teer, der die Welt von den Beaches trennt, um mehr als bisher angenommen handeln muss. Denn ohne großes Zögern werden wir gegen BT-Mechs und BT-Roboter in den Kampf geworfen. Was geht hier vor sich?
Währenddessen ist das Team um Fragile und Sam herum dabei, mehr über die mysteriösen Beaches herauszufinden. Was repräsentieren sie? Wie funktionieren sie? Woher kommen sie? Wofür können sie genutzt werden? Während wir in Teil 1 zumindest grundsätzliche Antworten auf einige dieser Fragen erhalten haben, wird in Death Stranding 2: On the Beach nun geklärt, was hinter dem Stranding (dem Ende der Zivilisation und Erscheinen der BTs, Beaches und allem anderen) steckt und wie die verschiedenen Charaktere damit zusammenhängen.
Die Story wird für Sam sehr persönlich und findet dennoch auf epischem Maßstab statt – sowohl hinsichtlich Bedeutung für die Welt als auch wortwörtlicher Größe von Bosskämpfen, die wir bestreiten dürfen. Insgesamt ist Death Stranding 2 weitaus nachvollziehbarer und driftet weniger stark in 20 Minuten lange Cutscenes über Begrifferklärungen ab, wie es noch Teil 1 tat. Wir haben durchgehend das Gefühl, eine klare Mission zu haben und ein Mysterium, das wir ergründen wollen.
Ob der einfachere Einstieg in Death Stranding 2: On the Beach mehr daran liegt, dass uns die eigenartige Welt des Spiels bereits vertrauter ist, oder ob Kojima und sein Team aus Teil 1 gelernt haben, und die Story diesmal kurzweiliger präsentiert haben, ist schwer zu sagen. Vermutlich treffen wir uns diesbezüglich in der goldenen Mitte: denn wir finden die Story-Umsetzung und Welt in Death Stranding 2 plötzlich sehr gelungen und genießen das weird fiction flair mit sci-fi setting.
Vom Briefträger zum UPS-Fahrer
Fans des ersten Teils erinnern sich noch gut – manche mehr manche weniger gern – an die rund 20 Stunden Spielzeit, die es brauchte, um das erste Fahrzeug in Death Stranding zu bekommen. In Teil 2 sitzt man innerhalb der ersten Stunde im Sattel eines Dreirads und nur ein paar Stunden später lenkt man ganze Buggy wie ein Profi-UPS-Fahrer durch das australische Outback. So schön auch wir die entschleunigenden Spaziergänge durch die USA fanden, so erfrischend ist es hier, unseren Job als Porter effizienter ausführen zu können.
Gerüstet mit beinahe allen Tricks und Kniffen aus Teil 1, sind wir schnell dabei, das Chiral Network mitsamt Infrastruktur in den ersten Bereichen Australiens auszubauen. Wir transportieren Metall, Chemikalien und Keramik quer durch die Gegend und erfreuen uns an den Highways, die wie aus einer andren Welt aussehen.
Als die ersten paar Areale erschlossen sind, führt uns die Main Story ins nächste Areal, das es auszubauen gilt. Und dann ins nächste. Und wieder ins nächste. Und das ist leider erneut das größte Problem von Death Stranding 2. Man wiederholt im Grunde von Anfang bis Ende die exakt selben Handlungen, ohne viel Abwechslung. Zugegeben, in Teil 2 gibt es deutlich mehr Kampf- und Schleichsequenzen, die uns an Banditenlagern vorbei oder mitten durch sie hindurch führen. Trotzdem kann man diese fast immer weitläufig umgehen und die Kämpfe sind sehr einfach und nicht besonders spannend.
Der Gameplay-Loop ist zwar deutlich kompakter als in Teil 1, dennoch sind wir sehr enttäuscht vom Mangel an interessanten Interaktionen und Quests. Es bleibt beim Lauf von A nach B und kurzen Unterhaltungen mit Hologrammen zum Dank.
Eine Symphonie in Design
Aus einer eher künstlerischen Perspektive, ist Death Stranding 2: On the Beach auf jeden Fall ein Genuss. So sehr man Hideo Kojima oft unterstellt, er wäre ein besserer Filmemacher als Game Entwickler, so sehr kommen genau diese Stärken in seinen Spielen zum Ausdruck. Es werden uns fantastisch komponierte Anblicke serviert, in denen die Kamera bewusst hinaus in eine Totale geht und den grafisch unfassbar schönen Landschaften des Spiels vollen Ausdruck verleiht. In den Cutscenes verhilft der hochkarätige Cast an Schauspieler*innen mittels hervorragendem Motion Capture und ausgezeichneter Inszenierung der existenziellen, persönlichen Note von Death Stranding 2 zu Hochglanz.
In Sachen Character und Mechanical Design ist erneut Yoji Shinkawa federführend, der bereits seit Metal Gear Solid nicht mehr aus Kojima-Werken wegzudenken ist. Der Art Director aus Hiroshima ist schlichtweg eine Legende seines Faches und seine sehr eleganten Designs haben längst Kultstatus. Von den Charakteren, die selbst individuell einprägsam aussehen und jeder auf ihre Art mit den diversen Gadgets und Gerätschaften ihrer Ausrüstung verschmelzen, bis hin zu den Fahrzeugen und der gesamten Infrastruktur – das Zusammenspiel und die Funktionalität ist nicht nur glaubwürdig sondern sieht außerdem verdammt cool aus! Yoji Shinkawa und seinem Team gebührt der Respekt für die komplexe, vollständige und in sich schlüssig aussehende Welt mindestens genauso, wie Kojima-san selbst oder den Darsteller*innen in Death Stranding und Death Stranding 2: On the Beach.
(c) Kojima Productions
Strandspaziergang
Death Stranding 2: On the Beach wurde in sogut wie jeder Hinsicht verbessert, wächst aber leider dennoch nicht über sich hinaus. Während Quality of Life, Story-Entfaltung und Actionsysteme allesamt kompakter und runder funktionieren als in Teil 1, bleibt das Gameplay und damit der wichtigste Teil von Kojima’s Vision leider was es war: Eine äußerst schön inszenierte und mit einer inspiriert erschaffenen Welt gestützte Dauerwanderung, die in Teil 2 vielleicht eher eine Spazierfahrt ist.
Die Qualität trieft Death Stranding 2: On the Beach aus wirklich allen Poren. Von der atemberaubenden Grafik, den großartigen Darsteller*innen, der meisterlichen Inszenierung bis hin zu dem einzigartigen Design – Kojima Productions vereint eindeutig viele der talentiertesten und einzigartigsten Künstler ihres Faches, und bringt deren Können mit voller Macht zum Ausdruck. Daher finden wir wirklich äußerst schade, dass das Spielerlebnis, nachdem man über die schönen Momente der Entschleunigung hinweg ist, selbst der immer selbe Trott bleibt.
Kojima-san hat bereits bestätigt, dass es ein Death Stranding 3 in absehbarer Zukunft nicht geben wird. Nachvollziehbar, nachdem er mit seinem Studio mit OD (als Xbox exclusive geplant) und Physint (ein PS5 exclusive) bereits zwei neue Projekte in Arbeit hat.
Wir sind neugierig auf jegliche neuen Werke aus Kojima Productions. Inzwischen ist Death Stranding 2: On the Beach exklusiv für PS5 erhältlich.