1917 – Kritik zum Golden Globe-Gewinner

von Mathias Rainer 18.01.2020

Was haben Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie mit den beiden Unteroffizieren Blake und Schofield gemeinsam? Sie werden alle 4 auf eine waghalsige Reise geschickt. Eine Mission, von deren Gelingen das Überleben von vielen hunderten Leben abhängt. Anders als im Fantasy-Epos Der Herr der Ringe muss in 1917 kein Zauberring vernichtet werden, ein einfacher Brief dient als Vehikel für dieses 119 Minuten andauernde Kriegsdrama. Man könnte meinen, Sam Mendes‘ neuer Film lehnt sich an J. R. R. Tolkiens eigene Erfahrungen im 1. Weltkrieg an.

Erfahrungen, die den britischen Schriftsteller in seinem weiteren Leben dazu inspirierten, die heute legendären Fantasy-Bücher zu schreiben. Tatsächlich aber wurde die Story des am 16. Jänner in unseren Kinos erschienenen 1917 von Sam Mendes komplett frei erdacht. Tolkiens Landsmann lies sich beim Schreiben des Drehbuchs aber von den Erzählungen seines Großvaters, der ebenfalls im 1. Weltkrieg gekämpft hat, inspirieren. Es war das erste mal für den renomierten und auch schon preisgekrönten Sam Mendes nicht nur für die Regie, sondern auch für das Drehbuch verantwortlich zu sein. Am 13. Jänner 2020 wurde er hierfür prompt für den Oscar für das beste Originaldrehbuch nominiert.

Eine technische Meisterleistung

Generell wurde 1917 gleich für insgesamt 10 Oscars nominiert. Darunter die Kategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Kamera, Bestes Szenenbild und Beste Filmmusik (alle Nominierungen der diesjährigen Oscarverleihung findet ihr übrigens hier). Außerdem konnte er auch schon bei den 77. Golden Globe Awards zwei der Hauptpreise abräumen. Sämtliche Auszeichungen und Nominierungen sind für mich absolut nachvollziehbar und verständlich. Denn Sam Mendes inszeniert hier einen Wettlauf gegen die Zeit, der (fast) keine Wünsche offen lässt.

Wer sich auch nur ansatzweise mit 1917 auseinandergesetzt hat, wird wissen, dass der Film als klassischer „One Shot“ konzipiert ist. Der Effekt des durchgängigen Streifens wurde hier erneut durch eine Reihe „unsichtbarer“ Schnitte erzeugt. Das Ergebnis lässt dabei keine Wünsche offen. Man betrachtet das Geschehen auf der Leinwand nicht nur von seinem bequemen Kinosessel aus. Nein, man ist spürbar mittendrin im Geschehen, wenn ein Schützengraben der Deutschen Wehrmacht in sich zusammenfällt. Und wenn neben Schofield (gespielt vom mir nur aus Captain Fantastic bekannten George McKay) ein Mörser einschlägt, hat man das Gefühl, dem Tod selbst nur um Zentimeter entkommen zu sein.

Das so eine Inzenierung bei derart langen Plansequenzen überhaupt funktioniert, ist der fehlerfreien Regie von Mendes und dem großartigen Chef-Kameramann Roger Deakins zu verdanken. Auf Youtube kann man sich viel gutes Behind-the-Scenes-Material zu Film ansehen (siehe Link zum IMDb-Video unten). Wer allerdings im Vorfeld gar nichts von 1917 erfahren möchte, sollte mit dem Anschauen vielleicht bis nach der Kinovorstellung warten. Und ja, für den Kinobesuch gibt es von mir eine uneingeschränkte Empfehlung. Ein Weltkriegsdrama, das für die große Leinwand gemacht ist. Hanwerklich muss 1917 irrsinnig aufwendig zu produzieren gewesen sein. Trotzdem spürt man gerade bei den Featurettes, mit wie viel Leidenschaft von allen Beteiligten an das Projekt herangegangen wurde. So sollten Filme heutzutage gemacht werden, und so bekommt man sie heute leider immer seltener zu sehen.

Einziger Wehrmutstropfen bleibt bei den unglaublichen Schauwerten für mich der Missionsverlauf an sich. Um dem Film die Laufzeit zu verpassen, die er eigentlich ja auch verdient, wurden für die Reise von Blake und Schofield im Skript immer wieder zusätzliche Plotpunkte installiert. Aus Spoilergründen will ich darauf nicht viel weiter eingehen. Die einzelnen Sequenzen sind zwar für sich genommen gut inszeniert, fügen sich für mich aber nicht in den Handlungsrahmen der übergeordneten Mission ein. Zwei drei Mal Mal hatte ich nicht das Gefühl hier würde es tatsächlich um einen Auftrag gehen, von dessen Gelingen 1600 Menschenleben abhängen. Das riss mich ein wenig aus der Welt heraus, in die ich ansonsten für den Großteil des Films versunken war.

And the Oscar goes to ...

1917 ist gesamtheitlich ein hervorragend gemachter Film, der bei der bevorstehenden Oscarverleihung sicherlich die eine oder andere Trophäe einheimsen wird. Speziell auf handwerklicher und technischer Ebene kann der Golden Globe-Gewinner zu hundert Prozent überzeugen. Die Kameraarbeit von Rogen Deakins ist ein Traum! Die Sets sind trotz ihrer Größe mit viel Liebe fürs Detail gestaltet. Der Score von Thomas Newman verstärkt die düstere und gehetzte Grundstimmung ungemein.

Auch die beiden eigentlich noch sehr jungen Schauspieler Dean-Charles Chapman und George McKay überzeugen mich gänzlich. Abzüge gibt es einzig und allein in der B-Note für das Drehbuch von Sam Mendes. Und obwohl sich das Skript für ein Erstlingswerk allemal sehen lassen kann: für den Drehbuch-Oscar wird es dieses Jahr wohl dennoch nicht reichen. Sam Mendes wird es egal sein, wenn 1917 in den allermeisten anderen Kategorien den Preis nach Hause bringen kann. Und das wird er. Save.

Wertung: 8.7 Pixel

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